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Somalia - Das blutende Horn Afrikas Oliver Hashemizadeh
| Abstract:
Due to
Somalia's geopolitical and strategic importance and its natural resources, the
country got into the focus of US interests soon after its anti-colonial war and
independence (1960). The USA used their typical concept: Intervention, infiltration,
destabilization of the social structure, deepening conflict lines and destroying
the economy. In 1991, when the United Somalia Congress (USC) took power, Somalia
was liberated by US troops and showed solidarity with Iraq. The consequence was
a civil war triggered by foreign interference. The UN interpreted this as "a threat
to world peace" and UN resolution 794 empowered the UN - under complete US control
- to intervene in Somalia with military force. A lot of civilians had been tortured
and murdered, and there were masses of human rights abuses done by US troops under
the UN flag. The UN mission was a disaster for the foreign troops, and the USA
had to leave the country. However, it was the first example of the USA using the
United Nations Security Council for their colonial interventions. Nowadays the
USA is operating in a silent manner; the administration threatens the Somali state,
accuses it of supporting "Al Qaeda" and freezes money of Somalis in exile, etc.
However, it is a fact that the "Islamist parties" in Somalia do not want destabilization,
but they want to build stable social structures and institutions for nutrition,
education, law, social welfare, etc. The USA could not occupy Somalia. As we see
in Iraq, in Lebanon, in Iran, in Latin America and in Afghanistan, the USA, despite
its loud threats, cannot manage anymore to dominate the countries of the South.
The United States is a tiger made of paper. | Eine
der blutigen Nebenfronten des expansiven US-amerikanischen Krieges befindet sich
am Horn von Afrika. Der Eskalationsgrad des Krieges musste nach der gescheiterten
Intervention Anfang der 1990er Jahre zurückgestuft und bis heute (trotz kolportierter
US-Pläne zu Beginn des "Krieges gegen den Terror", die von einem
unmittelbar bevorstehenden US-Angriff sprachen) auf der Stufe des law intensity
warfare belassen werden. Somalia sei - so der US-inspirierte mediale Tenor
- ein Beispiel für einen "failed state"; die "Sicherheits-Architektur"
der amerikanischen, aber auch der europäischen Staaten habe dort zwangsläufig
versagt, denn in Somalia habe Demokratie und Rechtsstaat noch nie existiert und
es gelte das drohende Entstehen eines afrikanischen Taliban-Staates abzuwenden.
Folgerichtig befinden sich seit Ende 2001 erneut britische und US-amerikanische
Sicherheitsarchitekten im Land, Geheimkommandos und Antiterroreinheiten operieren
im Landesinneren, und die permanente Drohkulisse wird ergänzt durch patrouillierende
Kriegsschiffe, Tanker, militärische Versorgungsschiffe und Schnellbote, die
vor der Küste lauern. Der Begriff "failed state", Teil der
US-amerikanischen Diktion, ist die Bezeichnung für zerfallende, schwache
Staaten, ein Terminus, der zur gleichen Zeit eingeführt wurde, als die USA
nach dem Zusammenbruch der realsozialistischen Länder die "Neue Weltordnung"
ausriefen und im Irak wie in Somalia mit ihrer Exekution begannen. Wie entsteht
ein failed state, oder treffender, wie produziert man einen solchen? Gab es z.
B. in Somalia je Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Zentralregierungen im westlichen
Sinne, oder stellt man damit - bewusst - eine unlautere Frage, um sie als "Sicherheitsarchitekt"
und wohlwollender nation-builder selbst gleich im eigenen Sinne beantworten zu
können? Zur bestmöglichen historischen Einbettung
der aktuellen Situation in Somalia zitieren wir an dieser Stelle aus dem Handbuch
der arabischen Welt von Karam Khella: Somalia
im Zugriff des Kolonialismus
Die alte Geschichtsschreibung
bezeugt die schon länger bestehenden engen Verbindungen Somalias sowohl mit
dem Niltal als auch mit der arabischen Halbinsel. Seit dem fünften Jahrhundert
besteht intensiver Kultur- und Warenaustausch, mit dem Migrationsbewegungen einhergingen.
Anders als die übrigen Länder der arabischen Welt wurde Somalia in der
Epoche der Expansion des arabisch-islamischen Reiches (634-750) nicht militärisch
erobert. Gleichwohl setzte sich synchron der Prozess der Arabisierung und Islamisierung
in den Küstenstädten Ostafrikas durch. Seit dem zehnten Jahrhundert
ist hier Arabisch dominant und der Islam vorherrschend. Für die frühe
Eingliederung Somalias in den arabischen Kulturbereich sind Handelsbeziehungen,
Einwanderung und gutnachbarliche Zusammenarbeit gesellschaftsbestimmend. Von den
Städten aus verbreitete sich der Islam im Binnenland. Durch die massive
europäische Mobilmachung gegen den arabischen Einheitsstaat unter Muhammad
Ali gelang es England, eine erste koloniale Position im arabischen Raum zu behaupten:
1839 wurde Aden von der englischen Marine besetzt. Gleichzeitig trachtete England
nach dem Zugriff auf die gegenüberliegende afrikanische Küste, um von
beiden Seiten den Eingang zum Roten Meer und dem Indischen Ozean zu kontrollieren.
Somalia konnte jedoch nicht angegriffen werden, da Ägypten nach wie vor regionale
Macht geblieben war. Das hinderte England nicht daran, in Somalia eine Politik
der Penetration und Infiltration zu betreiben. Erst die Zerschlagung der Unabhängigkeit
Ägyptens und die Absetzung Ismails 1879 schufen die Voraussetzung für
die europäische Invasion in Somalia im Jahre 1889. Auch gegenüber Somalia
wird die politische Unmoral der europäischen Mächte als taktisches Kalkül
angewendet. Während die afrikanisch-arabische Seite von festen ethischen
Werten als Garantie für den Bestand von guten Beziehungen unter Völkern
und Staaten ausgeht, nützen die Europäer diese Kooperationsbereitschaft
aus. Vermittels betrügerischer Verträge und Wortbrüche nisten sich
die Kolonialisten in Somalia ein. Somalia war wegen seiner reichen Bodenschätze
und Nahrungsmittelproduktion, vor allem aber wegen seiner einzigartigen strategischen
Lage Ziel eines kolonialistischen Zugriffs. Von Somalia aus werden das Rote Meer
und der Indische Ozean kontrolliert. Alle Großmächte kommen in der
Kolonialanamnese Somalias vor: Deutschland, dessen Versuche 1880 erfolglos waren,
Italien, England und später die USA. Die Somalier
bewahren ihre demographische und historische Einheit trotz kolonialistischer Fünfteilung
des Landes. Vom Hochplateau über die Steppe bis
zur Küste ist das somalische Volk durch die gemeinsame Sprache, Kultur und
Religion miteinander verbunden. Bis zu den Überfällen des Kolonialismus
waren Zwietracht und Rivalität, die später in Erscheinung getreten sind
und 1991/92 den Höhepunkt erreichten, unbekannt. Wie kein anderer Staat Schwarzafrikas
präsentiert Somalia eine einheitliche Nationalbevölkerung. Nur das Großsomalia
ist imstande, eine integrierte Wirtschaftsstruktur und autarke Produktionsweise
zu entwickeln. Die Halbwüsten und trockenen Savannen gestalten zusammen mit
dem Tropenwald, dem bewässerten Agrarland und den sehr fruchtbaren Gebieten
an den Flussmündungen eine heterogene Landschaft, die sich auf sinnvolle
Weise ergänzt. Die weiten, landschaftlich gegensätzlichen Territorien
sind aufeinander angewiesen und zu Geschlossenheit, Kooperation und gegenseitigem
Austausch gezwungen. Auf diesem historischen und geoökonomischen Hintergrund
wird deutlich, welches Verbrechen die koloniale Spaltung Somalias darstellt. Die
europäische Kolonialpolitik teilte Somalia in fünf verschiedene Herrschaftszonen
und versuchte immer wieder die verschiedenen Landesteile gegeneinander auszuspielen.
Das Sykes-Picot-Geheimabkommen vom 16. Mai 1916 hat das einheitliche Somalia fraktioniert
und die koloniale Zerstückelung zementiert. Somalia wurde aufgeteilt in Somalia
(in den Grenzen von 1960), die Ogaden, welche Äthiopien zugeschlagen wurden,
eine weitere Region, die Kenia zugeordnet wurde, und schließlich den Stadtstaat
Dschibuti. Demgegenüber hat das somalische Volk es verstanden, während
der langen Geschichte seines opferreichen Widerstandes seine unzertrennliche Einheit
zu demonstrieren. In der Tat sind die Somalier in allen fünf Zonen durch
die gemeinsame Kultur, Sprache und Religion miteinander eng verbunden und verstehen
sich als ethnische Einheit. Zwar besteht ausgeprägte Stammesbezogenheit,
"´asa'iriyya" (sogenannter Tribalismus); diese hat jedoch - bis
vor dem Siyad-Barre-Regime - der nationalen Frage und dem politischen Kampf nicht
geschadet. Trotz jahrzehntelanger kolonialer Spaltungspolitik bewahrte das somalische
Volk über die künstlichen staatlichen Grenzen hinweg seine nationale
Identität und Einheit, die durch gemeinsame Sprache, Geschichte, Religion
und Kultur bezeugt werden. Seit der Unabhängigkeit (1. Juli 1960) steht die
Wiederherstellung der Integrität und Einheit Somalias als eine unmittelbare
Bedingung für Stabilität, Sicherheit und ökonomische Stärke
an oberster Stelle der politischen Langzeitprogrammatik. Geschwisterschaften
wahren die Identität des somalischen Volkes Während
seiner knapp achtzigjährigen Herrschaft über Somalia gelang es dem Kolonialismus
nicht, die innere soziale Struktur der Bevölkerung zu unterwandern. Extrem
waren die Widersprüche: Weiße Kolonialherren unterjochen ein schwarzes,
selbstbewusstes und stolzes Volk. Christentum als Ideologie der Herrschenden versus
Islam als Religion der Unterdrückten; europäische gegen arabische und
afrikanische Kultur. Zudem verfügten die Somalier über eigene Organisationsformen,
die es den Invasoren schwer machten, ein Volk zu infiltrieren und seinen inneren
Zusammenhalt zu zersetzen: die Geschwisterschaften (oder Bruderschaften). Es handelt
sich um überlegene, stammesübergreifende Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaften,
welche neben Produktionsgenossenschaften auch Kultur, solidarische Lebensform
und tugendhaftes Sozialverhalten pflegen. Die wichtigsten Geschwisterschaften
Somalias sind Qadiriyya, Salihiyya, Ahmadiyya und Rifa´iyya. Antikolonialer
Widerstand Die Einheit der Somalier bewährte
sich insbesondere im antikolonialen Befreiungskampf. Er wurde unter einheitlicher
Fahne geführt. Unmittelbar nach der kolonialen Invasion Somalias wurde
der Widerstand unter Führung von Mullah Muhammad Abdallah Hassan ausgerufen.
Er stammt aus den Ogaden auf dem Gebiet des heutigen Äthiopien (im kolonialen
Propagandaapparat "der verrückte Mullah" genannt). Er wandte die
richtige Strategie an, indem er einen einheitlichen Kampf in allen fünf Landesteilen
führte, obwohl diese von fünf unterschiedlichen Mächten beherrscht
waren. Zäh setzte Muhammad Hasan die Prinzipien seiner Strategie durch, nach
der Einheit und Freiheit nicht zu trennen waren. Der "Verrückte"
wurde zum Alptraum der europäischen Mächte. Jahrzehntelang war er Symbol
für Standhaftigkeit und Durchhaltevermögen der Somalier. Muhammad Hasan
wurde in allen fünf Besatzungszonen bis zu seinem Tod akzeptiert. Heute steht
sein Name als Synonym für den Freiheitswillen Somalias. Der Machtantritt
des Faschismus in Italien im Oktober 1922 signalisierte ebenso für Libyen
wie auch für Somalia eine neue Eskalation des Terrors und der Ausplünderung
des unterjochten Volkes. Die von Muhammad Hasan aufgebaute Widerstandsbewegung
erlitt große Verluste. In der Hoffnung, dem Widerstand den Wind aus den
Segeln zu nehmen, setzte der Weltsicherheitsrat Anfang der 1950er Jahre eine Somaliadebatte
auf seine Tagesordnung. Zynischerweise nominierte er die Kolonialmacht Italien,
die in der einstigen Kolonie vor keinem Terror zurückschreckte, als UN-Beauftragten
für Somalia zu dessen Vorbereitung auf die Selbständigkeit. Bis zur
Erlangung der Unabhängigkeit am 1. Juli 1960 nutzte Italien diese Treuhandschaft
schamlos aus. Unabhängigkeitskampf Mit
dem Aufstand des Bundes Freier Offiziere gegen die Monarchie in Ägypten (23.-26.
Juli 1952) begann auch für den somalischen Freiheitskampf eine neue Phase
mit einer sicheren Perspektive des Sieges. Die Unabhängigkeitsbewegung Somalias
wurde vom Ägypten der Nasser-Ära tatkräftig unterstützt. Folgender
Fall demonstriert die Festigkeit der somalischen Einheit im Widerstand. Die Erfolge
des Befreiungskampfes waren erwartungsgemäß dort am frühesten
eingetreten, wo die kolonialistische Herrschaftskette am schwächsten war:
im äthiopischen Somalia. Bereits in den 1940ern und 1950ern war das Haile-Selassi-Regime
außerstande, Äthiopisch-Somalia unter Kontrolle zu halten. Trotzdem
verzichtete dieser Landesteil darauf, einen separatistischen Staat zu proklamieren
und bestand darauf, die Unabhängigkeit Somalias geschlossen auszurufen. Dafür
dienten die Ogaden dem gesamtsomalischen Befreiungskampf als Rückzugs- und
Nachschubgebiet. In der entscheidenden Phase, die unmittelbar zur Unabhängigkeit
führte, vereinigten sich alle somalischen Widerstandsgruppen in der nationalen
Einheitsfront "Großsomalia", die von Ägypten unterstützt
wurde. Diese Front stellte auch die erste Regierung des unabhängigen Somalia. Somalische
Demokratische Republik Mit der Unabhängigkeitserklärung
vom 1. Juli 1960, der Ausrufung der "Somalischen Demokratischen Republik"
1969 und der Wiederherstellung der Souveränität des Landes wurde die
Etappe des antikolonialen Widerstandes vom Stadium des nationalen Aufbaus abgelöst.
Mit 637.657 km2 ist Somalia (in den Grenzen vom 1. Juli 1960) fast zweimal so
groß wie die BRD. Das unabhängige Somalia war mit der verbrannten Erde,
die der Kolonialismus hinterlassen hat, konfrontiert. Maßnahmen zum Wiederaufbau
und zur Wirtschaftsplanung wurden ergriffen. Ägypten entsandte Fachleute,
die auf allen Gebieten des Aufbaus eines modernen Staates tätig waren: Lehrer,
Ingenieure, Ärzte. Junge Somalier erhielten Stipendien für die höhere
Ausbildung an ägyptischen Universitäten. In Somalia wurde die Alphabetisierung
vorangetrieben, der Aufbau von Schulen, Hochschulen und Lehrwerkstätten forciert.
Das Gesundheitswesen wurde modernisiert, erweitert und auf die Landesgebiete ausgedehnt.
Eine eigene Landesverwaltung war entstanden. Ein umfangreiches Reformprogramm
wurde in Angriff genommen. Der dreistufige Gerichtsaufbau wurde 1962 durch die
Zusammenlegung der religiösen und staatlichen Gerichte vereinheitlicht. (KARAM
KHELLA, Tor der Totenklage, Hamburg 1993, S. 20-24)
Bürgerkrieg
und UN-Mission Die zunächst zukunftsträchtigen
Entwicklungen in Somalia nach der Erringung der Unabhängigkeit wurden allerdings
bald vom Schatten des Kalten Krieges überlagert. Die erste, breite Teile
der verschiedenen politischen Gruppen einschließende Koalitionsregierung
des geo-, militär- und handelsstrategisch bedeutenden Landes geriet rasch
in den Aktionsradius des Ost-West-Konflikts. Zerrissen zwischen den trügerischen
Alternativen, der Anlehnung an die Sowjetunion oder an die USA, destabilisierte
sich Regierung um Regierung. Letztlich entschied Siyad Barre (Mohamed Siad Barré)
den Machtkampf für sich. Selbst mit Hilfe der Armee an die Staatsspitze gelangt
und anfangs noch durch Freundschaftsverträge an Moskau orientiert, setzte
Barre zu Beginn den Aufbau eines unabhängigen Somalia fort, wechselte jedoch
zusehends auf die Seite der USA. Nicht zuletzt die zunehmend enge Kooperation
Barres mit den USA - 1980/81 überließ er den USA Militärstützpunkte
in Nordsomalia - stieß auf wachsende Opposition in breiten Teilen der Bevölkerung
und selbst der ihm bisher loyalen Armee. Dennoch konnte sich Barre mittels Verfassungsänderung,
verhängtem Ausnahmezustand und Rückendeckung der USA an der Staatsspitze
halten. Doch wie so oft hatte die US-Protektion ihren Preis. Während der
22-jährigen Regierungszeit Barres nutzten die USA dieses Bündnis, um
sich im Land schleichend festzusetzen und es zu destabilisieren. Das Konzept
ist immer das gleiche und variiert nur graduell: Ermunterung zu militärischer
Regelung kolonial gezogener Grenzen, geheimdienstliche Operationen gegen bestimmte
ethnische oder religiöse Bevölkerungsgruppen, Zerstörung, Sabotage
und/oder Blockade der regionalen Wirtschaft, Handelsembargos, ungeklärte
politische Anschläge, Terror. Armut, Not und Elend tragen ihr Übriges
dazu bei, ein Land an den Rand des Bürgerkrieges zu treiben, um es entweder
mittels humanitärer Interventionen zu unterwerfen oder möglichen Widerstand
zu brechen. Als die USA 1991 gerade dieses Konzept auf den Irak anwendeten
- und dabei die Vereinten Nationen zu ihrer Erfüllungskomplizin machten -
formierte sich der Widerstand gegen Siyad Barre. Die Zusammenziehung der US-Truppen
hatte zur Folge, dass die in Somalia stationierten Amerikaner das Land verließen.
Die Einheitsfront unter Führung des Vereinigten Somalischen Kongresses (USC)
versetzte dem Barre-Regime den Todesstoß und proklamierte die Befreiung
Somalias - und seine Solidarität mit dem Irak. Doch die zwei Dekaden
umfassende Infiltration, Penetration und Fraktionierung der Bevölkerungsgruppen
zeitigte trotz dieses Befreiungsschlages seine Wirkung. Eine folgende Dürreperiode
hatte verheerende Auswirkungen auf das wirtschaftlich geschwächte Land, Hunderttausende
fielen einer Hungerkatastrophe zum Opfer. Der künstlich angefachte und im
eurozentrischen, letztlich kulturrassistischen Diskurs weidlich ausgeschlachtete
Tribalismus zerstörte kurzfristig die Einheit Somalias. Der USC, dessen gewählter
Präsident Mohamed Farah Aidid war, kämpfte gegen den Ali Mohammed, der
sich unerwartet zum Präsidenten ausrufen hatte lassen. Die Kämpfe weiteten
sich in der Folge auf das ganze Land aus, und Ali Mohammeds Milizen gerieten zusehends
in die Defensive. Im Januar 1992 wird im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen
die Resolution 733 verabschiedet, in der es heißt:
The
Security Council, Gravely alarmed at the rapid deterioration of the situation
in Somalia and the heavy loss of human life and widespread material damage resulting
from the conflict in the country and aware of its consequences on stability and
peace in the region, Concerned that the continuation of this situation constitutes,
as stated in the report of the Secretary-General, a threat to international peace
and security, (
) (S/RES/733 (1992).)
Es
war ein unheilvolles Novum, denn der Sicherheitsrat definierte darin erstmals
einen innerstaatlichen Konflikt als Bedrohung des Weltfriedens und der
internationalen Sicherheit und damit als Kompetenzbereich des Sicherheitsrates.
Auf Druck des Sicherheitsrates wurde ein Waffenstillstand vereinbart, der jedoch
von den Truppen Ali Mohammeds gebrochen wurde. Diese eroberten - während
der auf UN-Initiative einberufenen Friedenskonferenz in Addis Abeba - die Stadt
Kismayu. Mohamed Aidids Truppen waren aufgrund der UN-Entwaffnungsvereinbarung,
an die sich der USC Aidids gehalten hatte, militärisch zu schwach, um auf
den Waffenstillstandsbruch zu reagieren. Zeitgleich erhärtete sich der Verdacht,
dass Waffen- und Geldtransporte unter dem Schutz des UN-Hoheitszeichens zu den
Stellungen der Milizen Ali Mohammeds transportiert wurden. Aidid protestiert vergeblich
gegen die Verstöße und die Verletzung der Neutralitätspflicht
der UNO. Die Radiosender werfen der UNO und den USA vor, sich als Besatzungsmacht
zu gerieren und eigene Großmachtinteressen zu verfolgen. Der Sicherheitsrat
reagiert darauf nicht mit dem Versuch der Deeskalation, sondern im Gegenteil mit
einer Verschärfung des Vorgehens. Im Dezember 1992 verabschiedet der Sicherheitsrat
auf massiven Druck der USA eine weitere Resolution. S/RES/794 ermächtigt
den UN-Sicherheitsrat zur Ausübung von innerer Gewalt und interpretiert -
zurückgreifend auf Resolution 733 - den Artikel VII der UN-Charta neu. Ohne
Zustimmung der UN-Vollversammlung wird nun dem Sicherheitsrat militärisches
Interventionsrecht in die inneren Angelegenheiten eines Staates in die Hand gegeben.
Ein Präzedenzfall, der in der Folge weitreichende Konsequenzen haben sollte,
da dieses Interventionsrecht nicht nur zu einem Desaster der UN-Mission in Somalia
selbst führte, sondern auch den Charakter der UNO als überparteiliche
und neutrale Weltfriedensorganisation veränderte.
"Erstmals
intervenieren UNO-Truppen, ohne von den beteiligten Bürgerkriegsparteien
gerufen worden zu sein, und erstmals konstatiert die UNO, dass damit keine Souveränitätsansprüche
verletzt werden können, da ein Staat nicht mehr existiert. Dadurch wird auch
die Gefahr heraufbeschworen, dass die UNO zum Spielball von Konfliktparteien wird
oder, wie das in Somalia der Fall ist, selbst zur Kriegspartei wird. Unklar bleibt
auch, wer in Zukunft definieren soll, welcher Staat keine Regierung mehr hat und
der ordnenden Militärmacht der UNO bedarf. (...) Somalia dient der UNO
als Experiment: die Resolution 837, unter der die UNO-Operation in Somalia ins
Leben gerufen wurde, erlaubt ein wesentlich größeres militärisches
Engagement als je zuvor. Kapitel 7 der UNO-Charta erlaubt den Einsatz von Truppen
in bestimmten Fällen. Erstmals gilt dies nicht mehr nur für friedenserhaltende
Missionen (peacekeeping), sondern auch für friedenserzwingende Aufgaben (peace-enforcement).
Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass letztere nicht mehr die Zustimmung
aller Konfliktparteien erfordern, wie das noch bei den klassischen Blauhelmeinsätzen
der UNO der Fall war."[1]
Den
USA war es gelungen die UNO für ihre Interessen zu instrumentalisieren, deutlicher
noch, als es zunächst in Bezug auf den Irak zur gleichen Zeit den Anschein
hatte, wo es sich zumindest dem Schein nach noch um einen zwischenstaatlichen
Konflikt handelte. Somalia diente weniger der UNO als Organisation der Vereinten
Nationen als Experiment denn der USA als willkommener Anlass, die UNO mit einem
weiteren Schritt zu usurpieren und anhand eines vermeintlich sturmreifen Landes
die von George Bush senior ausgerufene Neue (amerikanische) Weltordnung zu exerzieren.
Offiziell unter dem Oberkommando der UN, tatsächlich aber angeführt
von den USA begann zunächst der humanitäre Teil der Mission. Die Hungerkatastrophe,
immer dann zynisch ins Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit gerückt,
wenn sie Militärinterventionen decken soll, ist Anlass für Operation
Restore Hope. Mittels westlicher, insbesondere US-amerikanischer NGOs wurden
und werden bis heute beachtliche finanzielle Mittel an sogenannte "Warlords"
weitergeleitet, die deren lokale "Menschenrechtsprojekte" schützen
sollen. De facto eine Aufrüstung von Milizen, die im Interesse der Interventionisten
das gewünschte Chaos im Land aufrecht erhalten sollen[2].
Der
humanitären Intervention folgt bald darauf die militärische Intervention
auf Seiten der gegen Aidid gerichteten Bürgerkriegspartei. Sechs Tage nach
Verabschiedung der Resolution 794, am frühen Morgen des 9. Dezembers 1992,
landeten 44 Marines und Navy SEALs an der Küste nahe dem Hafen sowie dem
Flughafen von Mogadischu; bis zum März 1993 wird eine Basis aufgebaut. Im
Mai 1993 versuchte die Somali National Alliance (SNA) unter Mohammed Aidids Führung
erneut eine Einigung zu erzielen; UNO-Vertreter und führende Personen der
Bürgerkriegsparteien werden zu Verhandlungen über einen Waffenstillstand
eingeladen. Da keine Einigung erzielt werden konnte, trafen sich am 4. Juni rund
200 Vertreter, um einen eigenen Waffenstillstand abseits der als koloniale
Intervention betrachteten UN-Mission zu schließen. In Folge dieser Vereinbarung
kündigten sie die weitere Zusammenarbeit mit der UNO auf. Am Tag darauf durchsuchten
UN-Blauhelme trotz eindringlicher Warnung der SNA die Radiosendestation von Aidids
Verbündeten. Bei den Kämpfen starben Dutzende UN-Soldaten, einige wurden
gefangen genommen und in den folgenden Tagen wieder freigelassen. Nach einer weiteren
UN-Resolution, die den Widerstand der SNA gegen diese unlegitimierte UN-Operation
verurteilte, führten US-Truppen Mitte Juni mehrtägige Luftangriffe aus.
Die UN-Mission wurde zur Personenjagd, Aidid zum "bad guy" erklärt,
die oben genannte Resolution 837 vom 6. Juni übertrug de facto die exekutive
und judikative Gewalt an den Sicherheitsrat, konkret an die USA. Das US-Oberkommando
setzte Einheiten der 10. Gebirgsjägerdivision, der Delta Force und der US
Army Rangers des 75th Ranger Regiment zur Hetzjagd gegen Aidid ein, zusätzlich
sollten Agenten der Special Activities Division der CIA die Menschenjagd unterstützen.
Eine Direktive der US-Regierung für die US-Kommandanten vor Ort lautete,
dass Befehle der UNO, die militärisch für nicht sinnvoll erachtet wurden,
ignoriert werden sollten. Bei einem stundenlangen Angriff auf das Hauptquartier
Aidids schossen Black-Hawk-Hubschrauber am 17. Juni 1993 wahllos auf Zivilisten,
die sich in der Nähe befanden. Unter den 80 Getöteten befanden sich
Delegierte, die in einer vereinbarten Aussprache mit den SNA-Repräsentanten
zu einem Waffenstillstand kommen wollten. In den folgenden Monaten eskalierte
die Lage: Luftangriffe gegen ein Krankenhaus, Raketenangriffe auf die Hauptstadt,
UN-Soldaten, die immer wieder auf unbewaffnete Demonstranten schossen, Folter
unter dem UN-Hoheitszeichen. Renommierte internationale Menschenrechts- und Hilfsorganisationen
und die parlamentarische Versammlung der Westeuropäischen Union kritisierten
scharf die UN-Mission. In einem vertraulichen Bericht der UN-Rechtsabteilung wurde
die Legalität von derartigen Offensiven und Methoden angezweifelt, dennoch
wurden diese unter US-Kommando fortgesetzt. Am 3. Oktober
1993 kam es schließlich zur letzten schweren Konfrontation, die vor allem
auch für die US-Spezialeinheiten verlustreich war und letztlich zu einem
Ende der blutigen US/UN-Intervention führen sollte. Ziel des Kampfeinsatzes
war die Gefangennahme von engen Beratern Aidids. Schon zu Beginn der Angriffe
gab es die ersten Verwundeten unter den US-Rangers. Nachdem mehrere Personen gefangen
genommen worden waren und sich der Konvoi auf dem Rückweg befand, nahm der
Widerstand ungeahnte Stärke an. Zwei Fahrzeuge des Konvois wurden zerstört. Unmittelbar
darauf wurde ein Black-Hawk-Hubschrauber, der über dem Kampfgebiet flog,
von einer Granate getroffen. Der Hubschrauber stürzte ab, ein Rettungsteam
und ein Teil der Bodentruppe wurden losgeschickt. Die Besatzung eines Kampfhubschraubers
barg zwei Verletzte und flog sie aus. Ein weiterer Hubschrauber setzte ein Team
von Spezialkampfeinheiten ab, wurde allerdings ebenfalls beschossen und musste
umkehren. Das Rettungsteam saß am Hubschrauberwrack fest und wurde von einer
wütenden Menge angegriffen. Die Soldaten verloren in den Straßen Mogadischus
die Orientierung und lagen unter ständigem Beschuss. Wenig später
wurde ein weiterer Black Hawk abgeschossen. Weitere Einheiten wurden vom US-Quartier
abkommandiert, scheiterten jedoch aufgrund des heftigen Widerstandes. Ein neuer
Luftrettungsversuch wurde gestartet; auch dieser Hubschrauber wurde getroffen
und konnte gerade noch notlanden. Zwei abgesetzte Soldaten wurden aber von wütenden
Zivilisten entwaffnet und getötet, ihre Leichen wurden durch die Straßen
Mogadischus geschleift. Ein überlebender Pilot wurde von SNA-Truppen gefangen
genommen und Tage später wieder freigelassen. Die Kämpfe dauerten noch
bis in die Nacht hinein an. Insgesamt wurden 18 US-Soldaten getötet und weitere
78 verwundet, 500 Somalier ließen ihr Leben. Die Bilder von den beiden hingerichteten
US-Soldaten gingen um die Welt und ließen die Stimmung in den USA kippen.
Zwar entsandte die Clinton-Administration weitere Soldaten, doch der Abzug sowohl
der UN- als auch der US-Truppen war besiegelt; vollzogen wurde er im März
1995. Die UNO hatte versagt, mehr noch, sie ließ sich von den USA vor den
Karren spannen und verlor in Somalia jegliche Legitimität. Ähnlich wie
im Irak hatte die UNO die Wut und den Zorn der angegriffenen Völker geerntet,
und wie im Irak wurde sie durch die Geiselnahme seitens der USA zur Zielscheibe
antikolonialen Widerstandes. In den darauf folgenden Jahren stabilisiert sich
das Land langsam, Friedensgespräche folgen, und im August 2000 etabliert
sich eine provisorische Übergangsregierung unter der Führung von Abdulkassim
Salad Hassan, Sprecher einer verschiedene Gruppen umfassenden Allianz in Somalia,
die seit 1988 gegen den Krieg opponierte. Die wirtschaftliche Situation verbesserte
sich zusehends. Krieg
und Terror Abermals im Schatten einer US-Großoffensive,
diesmal zuerst gegen Afghanistan und schließlich - erneut - gegen den Irak,
entflammten die USA den Krieg niederer Intensität gegen die Wirtschaft Somalias.
Der al-Barakaat-Bank wird vorgeworfen, sie habe Verbindungen zu al-Qaida. Obwohl
das Management der Bank den USA zuvor das Prüfen aller Bücher angeboten
hatte, wurde al-Barakaat auf die schwarze Liste gesetzt. Es war die al?Barakaat-Bank,
die über eine Mobilfunkgesellschaft und einen Internetprovider den wirtschaftlichen
Aufschwung in Somalia wesentlich mitbewirkt hatte. Mehr als drei Viertel der Bevölkerung
Somalias lebte von den Überweisungen ihrer Landsleute im Ausland[3].
Durch die Sperre der al?Barakaat-Bank wurden die Menschen in Somalia um ihr Einkommen
gebracht. Selbst die Sprecherin des UNO-Entwicklungsprogramms UNDP, Sonya Laurence
Green, gibt zu, dass die Sperre von al?Barakaat desaströse Folgen hatte:
"Soweit wir wissen, kamen über al?Barakaat und vergleichbare Banken,
deren Konten ebenfalls eingefroren wurden, jährlich zwischen 500 Millionen
und 800 Millionen Dollar nach Somalia. Zum Vergleich: Die Vereinten Nationen haben
im vergangenen Jahr von allen Geldgebern zusammen nur 50 Millionen Dollar für
ganz Somalia bekommen."[4]
Die Bush-Administration blieb alle Beweise für den Vorwurf schuldig und erhob
stattdessen sogar neue, sodass al-Ittihad al-Islamija ("Islamische Einheit")
seit Jahren unter Generalverdacht gerät. Al-Ittihad habe Verbindungen zu
al-Qaida, sei verantwortlich für den Abschuss der Black Hawks 1993, für
den Anschlag auf die amerikanische Botschaft 1998 in Nairobi, den Anschlag auf
ein israelisches Hotel in Mombasa 2002, den versuchten Abschuss eines israelischen
Flugzeuges im gleichen Jahr, habe gemeinsam mit al-Quida und sudanesischer Unterstützung
eine Militärintervention gegen Äthiopien gestartet, unterhalte terroristische
Trainingscamps, kurzum: alles, was irgendwo auf einer Achse zwischen böse
und noch böser liegt, wird al-Ittihad angedichtet. Auch dafür benötigt
Washington seit 2001 keine Beweise, der bloße Verdacht genügt, das
Wort "al-Qaida" macht es möglich - in Guantánamo, im Irak,
in Afghanistan, im Sudan, in Somalia, ... Tatsächlich betreibt al-Ittihad
soziale Einrichtungen, Krankenhäuser, Schulen, Suppenküchen, Waisenhäuser
- allesamt Einrichtungen, die die kriegsgeprüfte Bevölkerung Somalias
dringend benötigt. Jüngste
Entwicklungen Scheich Hassan Dhaher Aweis, Vorsitzender
von al-Ittihad al-Islamija, wurde im Juni 2006 zum Vorsitzenden des Obersten Islamischen
Gerichtshofs (Somali Supreme Islamic Courts Council, kurz SSICC[5])
ernannt und ist zugleich Vorsitzender eines 88 Sitze umfassenden Lokalparlaments[6].
Im Kampf gegen die allseits verhassten US-unterstützten "Warlords"
arbeiteten die ICU und die Übergangsregierung unter Abdulah Yusuf Ahmed und
Ali Mohamed Gedi noch zusammen, doch diese signalisierten schon bald ihre Kooperationsbereitschaft
mit den USA. Im Juni 2006 mussten sie Mogadischu verlassen. Die Mehrheit der Bevölkerung
Somalias steht hinter dem SSICC; in seinem Einflussgebiet herrscht Stabilität,
Sicherheit und Normalität. Die "treulosen Strohmänner", wie
Scheich Aweis die "Warlords" nannte[7],
bemühen sich nun - angepasst an die US-Vorgaben - sich selbst als säkulare
Kräfte anzupreisen und dem SSICC vorzuwerfen, einen Talibanstaat errichten
zu wollen und nach ausländischer Intervention zu rufen. Fazit Nach
dem Scheitern der unter UN-Schutz stehenden US-Invasion am Widerstand der somalischen
Bevölkerung veränderten die USA ihre Taktik. Über die mit den USA
verbündete äthiopische Regierung und westliche NGOs wurden Waffen und
Finanzmittel zu konkurrierenden Söldnertruppen geschleust, separatistische
Bewegungen in Somaliland und Puntland geschaffen oder hochgerüstet. Zeitgleich
wurden Sanktionen verhängt, die zentrale Wirtschaftsfaktoren treffen und
das Land erneut an den Rand einer Hungerkatastrophe bringen sollten. Rechtlosigkeit,
permanenter Kriegszustand, Verelendung und gesellschaftliche Zerrüttung sollen
nun das Land soweit schwächen, dass eine neuerliche Invasion Erfolg verspricht.
Im Gegenzug dazu profilierten sich die islamischen Kräfte als diejenigen,
die sich gegen die Söldnerarmeen durchsetzen konnten und von der Bevölkerung
als integre Kraft gesehen werden. Ihr politisches Konzept scheint real die Aussicht
zu bieten, der Bevölkerung Grundversorgung, Schutz und Rechtssicherheit zu
garantieren. Die Bemühung des SSICC, in der arabischen und islamischen Welt
als anerkannte Kraft gute Beziehungen aufzubauen, verspricht durch wirtschaftliche
Kooperation die ersehnte Stabilisierung. So bemüht sich der SSICC über
engere Zusammenarbeit mit der Konferenz der Islamischen Länder und als Mitglied
der Arabischen Liga um Investitionen seitens der Golfstaaten. Ernährung,
medizinische Versorgung, Bildung und Wiederherstellung der Infrastruktur sollen
dadurch gewährleistet werden. Dem gegenüber stehen die Interessen
der USA, aber auch Großbritanniens. Wertvolle Rohstoffressourcen und Bodenschätze,
die geostrategische Position und die militär- und handelsstrategische Lage
Somalias am Horn von Afrika stehen für die USA und ihre Verbündeten
auf dem Spiel. Ein von westlichem Einfluss unabhängiges Somalia, dem es womöglich
gelänge, autark eine friedliche Regionalpolitik zu entwickeln und seine Bevölkerung
zu versorgen, könnte eine gefährliche Beispielwirkung in der Region
haben. Schon stehen diverse Interventionsmöglichkeiten bereit, wie z.
B. die IGAD (Regionalorganisation Intergovernmental Authority on Development).
Zu dieser regionalstaatlichen Organisation afrikanischer Länder gehören
schillernde Persönlichkeiten wie der Präsident Ugandas Yoweri Kaguta
Museveni[8],
der neben anderen vom UN-Sicherheitsrat Anfang 2004 für "die Beharrlichkeit,
mit der sie den Somaliern bei der Verwirklichung der nationalen Aussöhnung
behilflich sind", Anerkennung erfahren hatte[9]. IGAD bekam ein Mandat der Afrikanischen
Union und soll eine Friedensmission in Somalia stellen. Die einkalkulierte Schwäche
dieser Friedensmission und die geplante Teilnahme von Ländern, deren Präsidenten
teilweise selbst über US-unterstützte Bürgerkriege an die Macht
gelangten, lässt erahnen, worauf diese Mission abzielt. Ähnlich wie
im Falle der ECOMOG-Mission in Sierra Leone wäre bald die Unterstützung
privater, westlicher Söldnerfirmen vonnöten. Über diese Hintertür
könnten die USA ihre gescheiterte Intervention von 1993 neu aufleben lassen. Doch
die US-israelische Niederlage im Libanon, der Widerstand im Irak, die Neuformierung
des Widerstandes in Afghanistan und die internationale Kooperation lateinamerikanischer
Staaten, die sich dem US-Einfluss widersetzen und neue Bündnisse suchen,
und nicht zuletzt die Haltung der Islamischen Republik Iran bieten langfristig
Aussicht, das Ende des amerikanischen Jahrhunderts einzuläuten. Auch Rom
fiel nicht an einem Tag.
Oliver
Hashemizadeh studiert Geschichte an der Universität Wien und ist Redakteur
der Perspektive Süd
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