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Eine
Regierung hinter Gittern
| Abstract:
The arrest
of Gilad Shalit should throw spotlight on the fact that more than 10 000 Palestinian
people, including 400 children and more than 100 women, are arrested in Israeli
jails. For a long time the Palestinian people have been struggling for the release
of those prisoners, doing so without support from the international community.
Not just the people of Palestine is stricken by the imprisonments, so are also
its representatives and the Palestinian government. A lot of ministers, members
of the Legislative Council and other high-ranking politicians are sitting in Israeli
jails. The Israeli attacks in Gaza cannot be seen as an effort to free Gilad Shalit,
but as an attack to exert pressure on the Palestinian government in order to overthrow
it. The international community must work for an exchange of prisoners and force
Israel to release the arrested Palestinian politicians and lawmakers. | folgende
palästinensische Regierungsmitglieder und hochrangige Politiker sitzen bzw.
saßen in den letzten Wochen in israelischen Gefängnissen:
Dr.
Aziz Duwaik - Sprecher des Palästinensischen Legislativrats in israelischer
Haft von 6. August 2006 bis ?
Dr. Nasser Al-Din Al-Shaer - Vizepremierminister
und Erziehungsminister von 19. August 2006 bis ? Dr. Omar Abdul
Razek - Minister für Finanzen in israelischer Haft von 29. Juni 2006
bis ? Dr. Samir Abu Aisha - Planungsminister in israelischer
Haft von 29. Juni 2006 bis 22. Juli 2006 Khaled Abu Arafa - Minister
für Jerusalem in israelischer Haft von 29. Juni 2006 bis ? Wasfi
Qabaha - Minister für Gefangene in israelischer Haft von 29. Juni
2006 bis 3. August 2006 Isa Al-Jabari - Minister für die lokalen
Verwaltungen in israelischer Haft von 29. Juni 2006 bis ? Fakhri
Turkman - Minister für Soziales in israelischer Haft von 29. Juni
2006 bis 22. Juli 2006 Mohammed Al-Barghouti - Minister für Arbeit in
israelischer Haft von 29. Juni 2006 bis 14. August 2006 Scheich Nayef
Al-Rejoub - Minister für Religion in israelischer Haft von 29. Juni
2006 bis ? Dr. Hassan Khuraisha - Zweiter stellvertretender Sprecher
des Palästinensischen Legislativrates in israelischer Haft von 10.
Juli 2006 bis 1. August 2006 Dr. Wahji Qawwas - Bürgermeister von
Qalqilia in israelischer Haft von 29. Juni 2006 bis ? Eine
Gesellschaft hinter Gittern - Die arabischen Gefangenen in israelischen Gefängnissen "Die
wahre Regierung ist die, die dieselben Schmerzen erduldet wie ihre Bürger
und Bürgerinnen und die ihren Leidensweg teilt." Der palästinensische
Minister für Arbeit, Mohammed Al-Barghouti, nach seiner Freilassung aus
der israelischen Haft
Als am 26. Juni dieses Jahres
in einer palästinensischen militärischen Operation der israelische Soldat
Gilad Shalit festgenommen wurde, war das Entsetzen darüber seitens der europäischen
Politik groß. Die israelische Armee begann in den darauf folgenden Tagen
mit einer großen Angriffswelle gegen den Gazastreifen, und weithin wurden
diese Angriffe als verständlich hingenommen und die israelische Legitimation,
es ginge um die Befreiung des Soldaten, akzeptiert. Diejenigen, die Gilad
Shalit festnahmen, haben sich in den Tagen darauf klar und eindeutig geäußert:
Gilad Shalit sei ein Kriegsgefangener, ihm werde nichts geschehen, und er werde
im Austausch für palästinensische Gefangene - das Kommando sprach von
der Freilassung der weiblichen Gefangenen, der Kinder und der schwer Erkrankten
- freikommen. Anstatt über die Legitimität und die Angemessenheit
der Vergeltung nachzudenken, die das Ziel der Befreiung Gilad Shalits ohnehin
nicht erreichen wird und vorrangig anderen Zwecken dienen sollte, müsste
man zur Wurzel dieses Problems vordringen, da dort auch die Lösung liegt:
Das Faktum und die Situation der arabischen und palästinensischen Gefangenen
in israelischen Gefängnissen. Ein kleiner Einblick: Nur zwei Tage
vor der Festnahme von Gilad Shalit endete ein Hungerstreik im Gefängnis von
Talmund. In diesem Gefängnis sitzen ausschließlich weibliche palästinensische
politische Gefangene. 56 Gefangene waren in diesen Hungerstreik getreten, aus
Protest gegen die schlechten Haftbedingungen, verbale Beleidigungen und Erniedrigungen,
willkürliche Isolationshaft, den schlechten hygienischen Zustand in den Zellen
und die mangelnde Nahrungsversorgung. Nach Angaben der Mandela-Institution, die
sich für die Rechte der Gefangenen einsetzt und Monitoring betreibt, werden
die Gefangenen regelmäßig erniedrigenden Strip-Searches ausgesetzt,
es werden kollektive Bestrafungen angewandt, und die Zellen sind feucht und voller
Insekten. Knapp 10 000 arabische Gefangene sind es, die
in 30 verschiedenen israelischen Gefängnissen sitzen. Die meisten davon aus
Palästina, viele aus anderen arabischen Ländern, aus dem Libanon, aus
Jordanien und von den von Israel besetzten syrischen Golanhöhen. Unter den
Gefangenen befinden sich mehr als 100 Frauen und fast 400 Kinder [1].
1 200 der Gefangenen sind so genannte "Administrativfestgehaltene",
das heißt, sie sitzen ohne Prozess ein, die Dauer ihrer Gefangenschaft ist
ungewiss und wird an bestimmten Punkten immer neu bestimmt, neue Fristen werden
gesetzt, die Tage, Wochen, oder Monate dauern können. Wie lang diese Administrativhaft
sein kann, zeigt der Fall des Palästinensers Walid Harb. Er sitzt bereits
seit 31. Juli 2001 in Administrativhaft, noch ohne Anklage und Prozess. 46
Palästinenser sitzen bereits seit mehr als 20 Jahren in israelischen Gefängnissen,
trotz des Friedensprozesses von Oslo, 7 seit mehr als 25 Jahren. Said Al-Otba,
ein Gefangener aus der Stadt Nablus, befindet sich bereits seit mehr als 30 Jahren
in israelischer Gefangenschaft, die längste bekannte Haftdauer weltweit.
10 000 Gefangene, das bedeutet, dass ein großer Teil der palästinensischen
Familien davon betroffen ist, indem sich ein naher Angehöriger im Gefängnis
befindet bzw. eine Zeit lang dort war [2].
Angesichts dieser Situation kann es nicht verwundern, dass viele PalästinenserInnen
durch die Festnahme von Gilad Shalit die Möglichkeit für einen Gefangenenaustausch
sahen. Dies ist in solchen Konfliktsituationen durchaus üblich und fand auch
in Palästina schon mehrmals statt. Laut einer Umfrage eines an der Universität
von Al-Najah angesiedelten Meinungsforschungsinstituts sprechen sich 90,9% der
PalästinenserInnen dafür aus, dass die Freilassung von Gilad Shalit
mit einem Gefangenenaustausch einhergehen soll, insbesondere mit der Freilassung
der weiblichen Gefangenen, der Gefangenen unter 18 Jahren, der kranken Insassen
und der Gefangenen, die bereits mehr als 20 Jahre in israelischen Gefängnissen
verbringen [3].
Aber nicht nur die einfache palästinensische Bevölkerung
ist von den israelischen Verhaftungen, die man durchaus auch als Entführungen
bezeichnen könnte, betroffen, sondern auch deren Politiker und Vertreter. Ein
herausragendes Beispiel war die Entführung von Ahmed Sadaat, dem Generalsekretär
der PFLP (Volksfront zur Befreiung Palästinas), am 23. März 2006, also
lange bevor die Welt von Gilad Shalit erfuhr. Herausragend ist dieser Fall
deshalb, weil Ahmed Sadaat nach einem internationalen Abkommen, unter Einbeziehung
Israels, der Palästinensischen Autonomiebehörde, der USA und der EU,
bereits in einem palästinensischen Gefängnis in Jericho einsaß.
Die israelische Armee umstellte das Gefängnis mit Panzern, stürmte es
und entführte Ahmad Sadaat nach Israel, unter klarem Bruch des internationalen
Abkommens. Die europäischen Kräfte, die für die Einhaltung des
Abkommens zuständig waren, sahen dem tatenlos zu, und auch in weiterer Folge
wurden kaum Anstrengungen unternommen, den Bruch des Abkommens zu verurteilen
und zu sanktionieren. Aus palästinensischer Sicht ist dadurch das Vertrauen
in die internationale Unterstützung für eine Lösung des Konflikts
weiter gesunken. Am 27. Juni stimmten die meisten palästinensischen
Parteien einem grundlegenden Dokument zu, das von palästinensischen Gefangenen
verschiedener Parteien ausgearbeitet worden war. Dieses Dokument umfasst die gemeinsamen
Zielsetzungen, die von allen Parteien getragen werden. Es hat als wesentliche
Pfeiler die Betonung der nationalen Einheit, die demokratische politische Entscheidungsfindung,
die Zielsetzung eines Palästinensischen Staates in den Grenzen von 1967 mit
Jerusalem als Hauptstadt, die Implementierung des Rechts der Flüchtlinge
auf Rückkehr und die Freilassung der Gefangenen. Kurz darauf wurden 8 Minister,
viele Parlamentsabgeordnete und Bürgermeister in einer nächtlichen Aktion
entführt und in israelische Gefängnisse gebracht, ein Versuch, den palästinensischen
politischen Prozess zu torpedieren. 5 Minister sitzen noch immer in israelischer
Administrativhaft, dazu zahlreiche Abgeordnete. Am 6. August wurde der Sprecher
des palästinensischen Legislativrates Dr. Aziz Duwaik entführt, am 19.
August der Vizepremierminister und Erziehungsminister Dr. Nasser Al-Din Shaer.
Die israelischen Angriffe und Verhaftungen sind also nicht als Reaktion auf palästinensische
Operationen zu verstehen, sondern haben das Ziel, die palästinensische Autonomie
weiter zu schwächen und insbesondere die gewählte Regierung zu stürzen.
Ein weiteres Ziel ist es, die nationale Einheit und die demokratische Entscheidungsbildung
innerhalb Palästinas zu stören. Die Freilassung der palästinensischen
Gefangenen war schon Teil der Abkommen im Zuge des Osloer Prozesses und wurde
bisher von Israel verweigert; die Forderung danach wurde auch von internationaler
Seite viel zu wenig unterstützt. Seit langer Zeit schon gibt es in Palästina
Kampagnen zur Unterstützung der Gefangenen und deren Freilassung. Die Umsetzung
dieser Forderung muss auf der Tagesordnung stehen; ohne die Freilassung der in
diesem Konflikt von der Besatzungsmacht gefangen genommenen Palästinenser
wird es auch keine akzeptable Lösung geben. Erste Schritte dazu sind ein
Gefangenaustausch und, unabhängig davon, die Freilassung der entführten
Regierungsvertreter sowie ein Ende der Angriffe auf die demokratische gewählte
palästinensische Regierung. Die internationale Gemeinschaft hat die Verantwortung,
durch die Aufhebung der Blockaden die palästinensische Regierung als Gesprächs-
und Verhandlungspartner anzuerkennen.
[1]
9,850
Palestinian prisoners in Israeli jails, The Palestinian Information Center, July
19, 2006 [2]
Detention
of Palestinian lawmakers in Israeli jails extended, The Palestinian Information
Center, July 31, 2006 Israeli
court adjourns trial of Saadat, IOF troops arrest brother of oldest serving administrative
detainee, The Palestinian Information Center, July 3, 2006
[3]
Great
majority of Palestinian populace insists on prisoners' swap, The Palestinian Information
Center, July 24, 2006
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