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Hegemoniale
Intervention versus Solidarität - Der Versuch, NGOs in den Krieg einzubeziehen
Peter Leidenmühler
| Abstract:
NGOs
and civil society become more and more important in international development
financing. The article is focussing on the civil society of Palestine. The states
of the Global North, especially the USA, try to use NGO financing as a possibility
to intervene by using "guidelines" for financing NGOs. By means of this
selective financing, a coherent development plan for Palestine, including all
parts of the society and in cooperation with the Palestine Authority should be
undermined. The British NGO INTERPAL and the Palestinian initiative OPGAI are
shown as examples for NGOs which work independent and enforce South-South-Cooperation
and Solidarity of the Global Civil Society. This includes the struggle against
foreign occupation. Therefore these organisations are confronted with propagandistic
and repressive measures on the part of the US-government. A lot of NGOs in the
South and in the North are resisting to be misused for the purpose of intervention,
using solidarity and unity as their "guidelines". | Einleitung
- Die Bedeutung der Zivilgesellschaft In der
Entwicklungsfinanzierung kommt in den letzten Jahren der Ebene der NGOs und der
Zivilgesellschaft eine immer stärkere Bedeutung zu. Im Rahmen der Millenium
Development Goals wurde betont, dass Entwicklung nicht nur Aufgabe staatlicher
Institutionen sei, sondern NGOs (wie übrigens auch privaten Unternehmen)
eine angemessene Bedeutung gegeben werden solle. Als Zivilgesellschaft werden
im Allgemeinen Akteure gekennzeichnet, die nicht staatlich organisiert sind, also
NGOs, religiöse Gemeinschaften, Gewerkschaften, Parteien, Vereine usw. Des
Weiteren wird die Zivilgesellschaft "als der politische Raum bezeichnet,
der von allen gestaltet werden kann. Im Wettstreit der Ideen findet ein öffentlicher
Diskurs über die Organisation und Steuerung von Gesellschaft statt"[1].
Im Jahr 2003 machte die Zahlung von Geldern für Entwicklung, die ausschließlich
von NGOs umgesetzt wird, ca. 10 % der Gesamtzahlungen der OECD-Länder aus.
Dieser Anteil ist im Steigen begriffen[2].
NGOs kommt auch unabhängig davon eine große Bedeutung
zu, nämlich in der Organisation der Gesellschaft. Es zeigt sich, dass in
der Arabischen Welt - in diesem Artikel soll insbesondere Palästina betrachtet
werden - eine breit gefächerte Zivilgesellschaft aktiv ist. Auf der anderen
Seite kann dieser "politische Raum" durch selektive Unterstützung
von den Geberländern genutzt werden, um eigene Interessen durchzusetzen,
was eine Unterwanderung der staatlichen Strukturen bedeutet. NGO-Finanzierung
und die Zivilgesellschaft werden somit zu einem Terrain für politische Auseinandersetzung:
Einerseits sind sie Ansatzpunkte für hegemoniale Einflussnahme, andererseits
schaffen sie Strukturen, die sich durch Unabhängigkeit, Solidarität
und Verwurzelung in den Gesellschaften des Südens genau dieser Hegemonie
widersetzen und somit die Durchsetzung hegemonialer Interessen gefährden. Selektion
und Kontrolle - Leitlinien für Entwicklungsfinanzierung durch die USA Ein
Beispiel, wie die westlichen Staaten aggressiv und repressiv versuchen, in den
"politischen Raum, der von allen gestaltet werden kann", einzugreifen,
sind die "US Department of Treasury Anti Terrorist Financing Guidelines:
Voluntary best practices for US-based charities", erstmals erschienen im
Jahr 2002. Es sind dies Richtlinien zur Arbeit von NGOs (vor allem in Ländern
des Nahen Ostens). Offiziell veröffentlicht, um die Verwendung von Entwicklungszahlungen
für terroristische Zwecke zu verhindern, bedeuten sie de facto die Kontrolle
über NGOs, damit Gelder nur für Projekte und Empfänger verwendet
werden, die direkt den US-amerikanischen imperialen Interessen dienen. Diese Richtlinien
wurden von einem großen Teil der NGOs in den USA zurückgewiesen, da
sie einen zu direkten Einfluss der Regierung bedeuteten, insbesondere als in weiteren
überarbeiteten Versionen dies noch deutlicher zum Ausdruck kam.
Ein weiterer Kritikpunkt war, dass die Anforderungen vor allem für muslimische
NGOs sehr hoch seien, um den Kriterien entsprechen zu können. Sie stünden
in erster Linie unter Generalverdacht und müssten sich durch aufwändige
und erniedrigende Prozeduren "reinwaschen". Dennoch übernahmen
auch die in den USA ansässigen NGOs einige der Richtlinien, und die Dachorganisation
der meisten US-amerikanischen Entwicklungsorganisationen "Interaction"
einigte sich ihrerseits auf das Dokument "Principles of International Charity".
Die Steuerung und Eingriffsmöglichkeiten durch die US-Regierung im Zuge der
Mittelverteilung sind auf jeden Fall gegeben[3].
Insbesondere trifft das natürlich die in den arabischen Staaten arbeitenden
NGOs, die sich zuallererst vom Generalverdacht reinwaschen müssen, dies aber
gar nicht können, wollen sie nicht ihre Prinzipien und die Verbindung zu
ihrer Gesellschaft aufgeben. Nach dem Krieg Israels gegen den Libanon wurde
das Dilemma, in dem sich die US-Regierung befindet, offensichtlich: Der Wiederaufbau
und die humanitäre Hilfe wurden und werden sehr effizient von libanesischen
NGOs, muslimischen NGOs, NGOs aus anderen arabischen und islamischen Staaten u.
a. organisiert. Ein großer Teil der Gelder kam von arabischen oder islamischen
Staaten, oder aus anderen Staaten des Südens. Dadurch entzieht sich die libanesische
Gesellschaft der imperialen Einflussnahme nach dem Krieg, die immer auch Teil
des Krieges ist. Auch viele europäische NGOs arbeiten sehr eng mit libanesischen
Partnerorganisationen zusammen, deren Unterstützung von den USA abgelehnt
wird. Gleichzeitig müssen die USA ihren Einfluss wahren; diejenigen NGOs
aber, die die "Guidelines" befolgen, finden nur wenige und periphere
Ansatzpunkte in der libanesischen Zivilgesellschaft, die die geforderte Entsolidarisierung
nicht mitträgt. Die
Aussetzung der Entwicklungszahlung an Palästina und die palästinensische
Zivilgesellschaft Nach der Entscheidung der EU
und der USA, die Zahlung von Entwicklungsgeldern an die palästinensische
Autonomiebehörde nach der Regierungsbildung auszusetzen, sollten Gelder nur
noch über NGOs als humanitäre Hilfe zur Verfügung gestellt werden.
Dies ist ein Versuch, die staatliche Autorität zu schwächen und unter
Druck zu setzen. In einer Situation, in der eine Regierung mit demokratischer
Mehrheit gewählt wurde und starken Rückhalt in der Gesellschaft hat,
bedeutet die Unterstützung einzelner NGOs und nicht der Regierung, dass eine
planbare und längerfristige Entwicklungspolitik, die alle Sektoren der Gesellschaft
umfasst und nicht nur gerade das tägliche Überleben garantiert, verhindert
werden soll. Umso mehr, als große Teile der Zivilgesellschaft und viele
NGOs von vornherein ebenfalls von der Finanzierung ausgeschlossen werden, aufgrund
bestimmter Kriterien, die von den Gebern definiert werden. Im Fall Palästinas
ist dies hauptsächlich "eine Nähe zur Regierung" bzw. vorgeblich
eine sogenannte "Unterstützung von Terrorismus". Damit sind in
erster Linie jene NGOs gemeint, die sich der Kontrolle und Steuerung durch die
westlichen Geldgeber entziehen und in ihren Strategien die allgemeine Wohlfahrt
in der Gesellschaft in den Vordergrund stellen. Um diese zu erreichen, muss mit
allen relevanten Teilen der Gesellschaft zusammengearbeitet werden, also selbstverständlich
auch mit der Regierung. Durch die Situation der israelischen Besatzung umfasst
diese allgemeine Wohlfahrt für viele NGOs auch das Ziel, auf ein Ende ebendieser
Besatzung hinzuarbeiten. Mit diesen Kriterien sind auch kulturhegemoniale und
rassistische Implikationen verbunden: Islamische Vereinigungen, deren Finanzierungs-
und Verteilungssystem, Bildungsformen oder Formen der sozialen Unterstützung
nicht westlichen Vorstellungen entsprechen, sondern genuin arabischer Herkunft
sind, sind besonders davon betroffen. Diese NGOs stehen selbstverständlich
auch in gutem Verhältnis zur Autonomiebehörde (wie auch zu anderen NGOs,
zu den UN-Organisationen usw.) - im Sinne einer gemeinsamen, kohärenten Entwicklungsplanung. Es
wird also die Zahlung von offiziellen Entwicklungsgeldern eingestellt und gleichzeitig
Druck auf Nichtregierungsorganisationen ausgeübt, die die Kriterien nicht
erfüllen bzw. unabhängig von westlichen staatlichen Geldgebern arbeiten. Die
britische NGO INTERPAL zum Beispiel leistet humanitäre Hilfe für die
Palästinensergebiete und für die Flüchtlingslager in den Nachbarländern.
Die Gelder kommen hauptsächlich von der britischen muslimischen Gemeinschaft
und von vielen anderen UnterstützerInnen in Großbritannien. Die Gelder
von INTERPAL werden wiederum von palästinensischen Organisationen betreut,
die damit Waisenhäuser, Schulen, Gesundheitszentren, Arbeitsstätten
und Ähnliches finanzieren. Die Organisation legt auch Wert auf "Community
Development", die Herausbildung von unabhängigen und nachhaltigen Möglichkeiten
zur Entwicklung der Gesellschaft und zur Aufrechterhaltung des palästinensischen
kulturellen Erbes[4].
Die Organisation wurde im Zuge der Anwendung der "Guidelines" durch
das US-Finanzministerium als "terroristische Struktur" bezeichnet. Seitens
der US-Regierung wurde Druck ausgeübt, die Gelder der Organisation einzufrieren.
Eine Untersuchung der "Charity Commission" in Großbritannien brachte
dafür aber keine Anhaltspunkte zum Vorschein, und die Organisation konnte
ihre Arbeit fortsetzen. Dennoch wurden die Beschuldigungen von der US-Regierung
mehrmals wiederholt, unter anderem in einer BBC-Dokumentation, in der sich ein
Sprecher des US-Finanzministeriums abermals dahin gehend äußerte und
erneut ein Einfrieren der Gelder forderte. An diesem Beispiel zeigt sich,
wie die "Guidelines" wirken sollen: Obwohl es keinerlei Anhaltspunkte
für eine tatsächliche Unterstützung von terroristischer Aktivität
gibt, wird politischer und medialer Druck ausgeübt, Prozesswege müssen
bestritten werden, Staaten und Banken werden unter Druck gesetzt - ein Versuch,
die Arbeit der NGOs zu behindern bzw. vollständig zu blockieren. Es liegt
im Wesen der Arbeit der palästinensischen NGOs, dass ihre sozialen, humanitären
und kulturellen Aktivitäten immer auch direkt oder indirekt mit politischen
Forderungen für ein Ende der Besatzung verknüpft sind, da diese das
Haupthindernis für die Entwicklung der Gesellschaft darstellt. Als weiteres
Beispiel für die rege Tätigkeit der Zivilgesellschaft in Palästina
sei die Dachorganisation "OPGAI - Occupied Palestine and Syrian Golan Heights
Advocacy Initiative" erwähnt. In der "OPGAI" schlossen sich
verschiedene palästinensische Basisorganisationen (unter anderem die Kampagne
"Stop the Wall", das "Jerusalem Center for Women", "Badil
Resource Center u. a.) zusammen, um ein Ende der israelischen Besatzung zu fordern.
Sie präsentierten ein gemeinsames Dokument und den Aufruf "United in
Struggle" beim World Social Forum in Porto Alegre im Jahr 2005. Darin wird
die Wurzel des palästinensisch-israelischen Konflikts dargestellt - die Vertreibung
der Palästinenser - und eine verstärkte Zusammenarbeit der westlichen
und der arabischen NGOs im Hinblick darauf gefordert, gegen die Besatzung zu arbeiten.
"Today the Palestinian people and the Syrian people of the occupied Golan
do not enjoy basic protection by governments or the United Nations who have the
responsibility and obligation to stop forceful conquest, occupation and apartheid
and facilitate just remedies and solutions. Global civil society, grassroots movements
and NGOs, have thus remained our only ally. We therefore appeal to the participants
at this World Social Forum to undertake urgent and broad action in order to help
end the current situation in Palestine and bring about a new era in which the
indigenous people can return to their land and properties and are compensated
for damages and suffering incurred, and in which all people in Palestine can freely
exercise their basic individual and collective rights in the framework of one
or two sovereign states in line with their choice."[5] Schlussfolgerungen
- Versuchte Spaltung und Einheit der "Global Civil Society" Einerseits
nimmt die Bedeutung der NGOs bei der Finanzierung von Entwicklung und humanitärer
Hilfe zu, sodass sich immer mehr Gelder dem direkten Zugriff der Staaten bzw.
Regierungen des Südens entziehen, andererseits erfolgt diese Zahlung nur
selektiv, und die Definitionsmacht darüber, was als unterstützenswerte
"Zivilgesellschaft" betrachtet wird, verbleibt im Norden. Dadurch können
NGOs bewusst oder unbewusst als Interventionsmittel dienen, die sich der genuinen
demokratischen und gesellschaftlichen Kontrolle der Gesellschaften im Süden
entziehen. Die Unterstützung von ausgewählten NGOs und Partnern im
Süden nach politischen und (wenngleich nicht offen formulierten) kulturellen
Kriterien nach westlichem Interesse erfolgt, um Bildungseinrichtungen, soziale
Unterstützung und kulturelle Initiativen nach westlichem Interesse auszurichten
und somit die Kohärenz der betroffenen Gesellschaft zu untergraben und Entsolidarisierung
zu schaffen. Gleichzeitig verhindert diese Vorgehensweise die Entstehung eines
langfristigen Entwicklungsplans, ausgerichtet auf die Interessen des Landes, der
Souveränität, Unabhängigkeit und Symmetrie in den Beziehungen herstellen
würde. Zivilgesellschaftliche Initiativen, die eine Süd-Süd-Kooperation
verstärken, bzw. NGOs, die humanitäre Hilfe vor allem als Solidarität
(wie z. B. unter Muslimen) definieren, Unterstützung, die an der westlichen
"Entwicklungsbürokratie" und "Entwicklungsmacht" vorbeigeht,
all das wird hingegen als potenziell gefährlich eingestuft. Dementsprechend
werden sie propagandistisch angegriffen (z. B. indem ihnen unterstellt wird, sie
seien von einem bestimmten Staat gesteuert oder dienten ausschließlich fremden
politischen Interessen, unterstützten Terrorismus, seien manipulativ und
ähnliche Projektionen, die vor allem bei Unterstützung durch arabische
und islamische Staaten bzw. Organisationen auftauchen) oder es wird sogar versucht,
repressiv gegen sie vorzugehen. Durch die finanzielle Abhängigkeit und
staatlich vorgeschriebene Kriterien sind die NGOs des Nordens beständig mit
der Gefahr konfrontiert, für politische und kulturhegemoniale Interventionen
missbraucht zu werden. Dagegen formiert sich aber Widerstand vieler NGOs im Norden
und im Süden, die Solidarität und Einheit, die Stärken der "Global
Civil Society" in ihrem Kampf für Gerechtigkeit, Frieden und Menschenwürde,
als Leitlinien ihrer Arbeit umsetzen.
Peter
Leidenmühler - Sprecher des Vereins Dar al Janub - studiert Internationale
Entwicklung an der Universität Wien
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