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LeitartikelEine
beliebte und oftmals wiederholte Taktik pro-israelischer bzw. pro-amerikanischer
Öffentlichkeitsarbeit ist es, den Blick der Weltöffentlichkeit von den
blutigen Schlachtfeldern der amerikanischen bzw. israelischen Kriege abzulenken,
indem komplexere Kriegsplätze streiflichtartig hervorgehoben werden, an denen
die Akteure und Interessen weniger offensichtlich sind. Hinter dieser argumentativen
"War-Sightseeing-Tour" steckt zynisches Kalkül. Der journalistische
Schreibtischtäter wendet sich an die empörte Öffentlichkeit, zeigt
sich angesichts der Massaker, die soeben vor aller Augen verbrochen wurden, doch
auch erschüttert, wiewohl er dieser Entrüstung rasch noch etwas beifügt:
Angesichts des Offensichtlichen deckt er das Verborgene auf, doch nur um die Sicht
auf die Realität erneut zu verstellen. Dieser Kunstgriff ist in seinem Zynismus
atemberaubend, versteckt er doch einen Leichenberg hinter einem anderen in der
Hoffnung, dass ersterer wenn schon nicht vergessen, so doch jedenfalls bedeutungsloser
wird. Geschickt lenkt er den Blick von den blutbefleckten Händen des Schlächters
hin zu einem Tatort, wo dieselben Schlächter weder sichtbar noch höchstpersönlich
gemordet haben. Ja, im Libanon, im Irak, in Palästina wird massakriert, wird
auf alles geschossen, was sich bewegt, wir verwüsten gerade Beirut, doch
vergesst nicht Tschetschenien, vergesst nicht den Sudan, vergesst nicht die Kriege,
die im Schatten geschehen. Dort sind keine amerikanischen, keine israelischen
Bomberpiloten im Einsatz. Der jüngste einmonatige Krieg Israels (und
der USA) gegen den Libanon hat die Welt erschüttert. In diesen 34 Tagen wurde
ein souveränes Land angegriffen, bombardiert und um Jahrzehnte des Wiederaufbaus
zurückgeworfen, in diesen 34 Tagen starben Tausende Menschen im israelischen
Bombenhagel, Tausende verloren ihre Väter, Mütter, Töchter, Söhne,
all ihr Hab und Gut, wurden zu Flüchtlingen im eigenen Land, abgeschnitten
von jeglicher Versorgung. Zivile Einrichtungen, Straßen, Brücken, Häuser
wurden systematisch dem Erdboden gleich gemacht. Brisant wurde es für die
Vereinten Nationen und die Internationale Staatengemeinschaft jedoch erst, als
während dieser 34 Tage immer offensichtlicher wurde, dass der Widerstand,
den Israel innerhalb weniger Tagen zu brechen glaubte, sich nicht brechen ließ.
Entgegen amerikanischen und israelischen Einschätzungen konnten die libanesischen
Partisanen nicht geschlagen, ausgerottet, vernichtet werden. Die Verluste auf
israelischer Seite waren vielmehr weit höher als eingeplant. Die ruhmreiche
israelische Armee, kampferprobt und im Felde ungeschlagen, musste unverrichteter
Dinge abziehen. Der Verlauf dieses Krieges hat einiges in Israel bewirkt - demoralisierte
IDF-Soldaten, eine Regierungskrise, die Absetzung eines hochrangigen Befehlshabers
während der Offensive -, doch auch international verfassten prominente ExpertInnen,
Intellektuelle und Analysten überreizte Kommentare. Im Eifer des Gefechts
fielen so manche Masken. Der österreichische Schriftsteller und angesehene
Journalist Robert Menasse klagte selbstmitleidig seine Pein: er, der große
Pazifist, habe sich angesichts des israelischen Krieges vom Paulus, der er doch
immer war, zum Saulus verwandelt. Erschüttert musste er sich selbst im Spiegel
betrachten und feststellen, dass er "in einem Krieg und noch im Leiden
und im Sterben Anderer einen Rechtszustand" erkenne. Er merke, wie er
"sogar den allergrößten Skandal aller ohnehin skandalösen
Kriege, nämlich den skandalös euphemistisch so genannten 'Kollateralschaden',
achselzuckend abtue". Denn Menasse wisse: "Israel muss diesen Krieg
führen, und Israel muss diesen Krieg gewinnen." Tränenden Auges
wolle er "Bomben sehen, noch mehr Bomben, so viele Bomben, bis die Hisbollah
ausradiert ist und alle Vernichter vernichtet sind". Und natürlich muss
er - während er seine Maske fallen lässt und geifernd nach 'Bomben,
noch mehr Bomben' schreit - lügen, denn als Humanist und Pazifist braucht
er eine Rechtfertigung dafür: "Kein Israeli hat je das Existenzrecht
eines anderen Staates in Frage gestellt". Nicht? Und wo ist Palästina?
Noch ein renommierter Mann hat während des hektischen
Bombenhagels sein wahres Gesicht gezeigt: Geschickter, viel gewitzter, als Menasse
es fertig brachte, griff ein französischer Philosoph nach dem oben genannten
Kunstgriff, um die Leichenberge der Massakrierten von Kana im Libanon zuzudecken;
in einem seiner jüngsten Essays empört sich André Glucksmann
über die Empörung der Weltöffentlichkeit über die israelischen
Massaker im Libanon. Glucksmann empört sich - und als ehrbarem Mann glauben
wir ihm diese Empörung selbstverständlich - über die Doppelstandards.
Es werde mit zweierlei Maß gemessen: "Die tagtäglichen terroristischen
Attentate gegen Zivilisten in Bagdad mit 50 und mehr Toten werden als Meldung
im Ressort 'Diverses' abgehakt, während die Bombe von Kana mit 28 Toten als
Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeprangert wird - nur wenige Intellektuelle
wie Bernard-Henri Levy oder wie Magdi Allam, der Chefredakteur des Corriere della
Sera, wundern sich darüber." Und Glucksmann wird zum zynischen und mystischen
Mathematiker, empört sich offenkundig über "200 000 abgeschlachtete
Muslime von Darfur" und fragt, warum diese "nicht wenigstens die Hälfte
eines Viertels des Entsetzens erregten, das zweihundertmal weniger Tote im Libanon
ausgelöst hatte". Die Zweihunderttausend, die Hälfte eines Viertels,
zweihundert weniger? Genug. Dieser verdorbene Zynismus verdirbt. Was bezweckt
er mit seinen sarkastischen Rechenkünsten? Was will er uns mitteilen? Im
Sudan, wo amerikanische und israelische Fäden zusammenlaufen, wo allerdings
tatsächlich keine israelischen F-16-Bomber Angriffe durchführen, dort
sollen wir unsere Entrüstung hinlenken? Weg von der Empörung über
die Verbrechen gegen die libanesische, palästinensische Bevölkerung,
hin zu einer vermeintlich hilflosen Betroffenheit über den Krieg in Darfur?
Herr Glucksmann möchte mehr über terroristische Attentate auf Zivilisten
in Bagdad lesen? Mehr über die weltweit größte Konzentration von
CIA-Agenten und die bewährten "antiterroristischen" US-Terroreinheiten,
ihre Gladio-Methoden und Operation Condors im Irak? Oder hoffen diese Herrschaften,
dass durch die mediale Desinformation der Blick bereits so getrübt ist, dass
dort niemand mehr die amerikanische und israelische Handschrift erkennen mag? Doch
wundern wir uns nicht über die westeuropäischen Intellektuellen, wenn
sie im Eifer des Gefechts einmal aus der Rolle fallen. Es ist bis zu einem gewissen
Grad nachvollziehbar, dass das Kriegsgeschrei, die donnernden Kanonen, das Pfeifen
der Granaten und das Heulen der Sirenen ihren Widerhall im ruhigen Hinterland
finden. Es ist bedrückend, den Krieg, das tägliche Sterben und Töten
Tausende von Kilometern entfernt, sehen und hören zu müssen und zur
gleichen Zeit abends eine gute Flasche Beaujolais aus dem privaten Weinkeller
zu holen. Es ist, ganz ohne Sarkasmus, belastend, einerseits als Philosoph, Intellektueller,
Schriftsteller oder Künstler im friedlichen Europa wirken zu wollen und zugleich
zerrissen zu werden vom Lärm des Krieges. Es ist ein hartes Brot, sich hier
in Europa als Philosoph Geltung zu verschaffen. Menasse beschreibt es gut, hatte
er doch als junger Mann die Idee, "sein Hauptwerk mit einem kommentarlosen
Selbstmord" zu beglaubigen. Die Konkurrenz ist groß, und wer Beachtung
finden will, muss schon mal aufschreien. Und sein Schrei mag zwar befremden, doch
ist er in diesem Kontext nachvollziehbar. Um dem ohrenbetäubenden Lärm
des Krieges und vor allem den kriegsbedingten Entstellungen und Verdrehungen,
dem verzerrten Bild des Krieges, der in den europäischen Medien seinen Spiegel
fand, etwas entgegenzusetzen und dem Namen unserer Zeitschrift gerecht zu werden,
lassen wir vor allem auch die Stimmen des Südens selbst zu Wort kommen, wollen
ihre Fragen, ihre Berichte, ihre Einschätzungen und ihre Aufrufe hier in
Europa wirken lassen. Ihre zum fairen Dialog ausgestreckte Hand wird allzu oft
zurückgewiesen, ihre Stimme unterdrückt oder nur verzerrt zugelassen.
Sie fordern Recht und Gerechtigkeit, und man kann aus ihren Worten lesen, dass
sie einer Meinung sind mit jenen Teilen der Friedensbewegung in Europa, die erkennen,
dass die derzeitigen Regierungen in den USA und in Israel Verbrechen begehen. Längst
wäre ein wirksamer Internationaler Gerichtshof berufen, Anklage zu erheben
wegen Verbrechen gegen den Frieden, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Völkermord,
Auslösung eines Angriffskrieges und konkreter Kriegsverbrechen. Angeklagt:
die Regierungen in Washington und Tel Aviv. Wir laden die Leser dieser Ausgabe
ein, sich selbst ein Bild zu machen, ein Bild über die Orte des Verbrechens
und ihre Urheber.
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