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Der
Krieg und das MädchenOliver Hashemizadeh
| Abstract:
The article
is putting spotlight on the Western genocidal racism. The "humanistic and civilizing
mission" of the USA and Europe at the same time is racist. The Western people
are shocked by "total war" when they see an Israeli girl signing bombs; nevertheless,
the same people calm down again when they see marches of Arab partisans, thinking
that this is the barbarians. The war is total; on the one hand it includes the
whole society of the aggressive nation, and on the other hand it includes also
all of the civilian structures in the attacked nation, as its goal is maximal
destruction and submission. The war is not just "military"; it is also "civil".
(Neo-) colonialism is bearing genocide. On the one hand the massacres should be
an example for the whole people that resistance is useless and leading to annihilation,
on the other hand it is not possible for the aggressor to distinguish between
military and civil targets as the resistance is melting with the people and is
part of the people. In the long run the people must be murdered, if not total
then to such an extent that every identity which could bring resistance is annihilated.
So there are two types of colonial genocide: Either the colonized people is allowed
to stay alive as slaves without identity, or it should be gradually but totally
annihilated - first in the minds and finally also physically, like it had never
existed at all. Israel is following the second type; Ben Gurion and Golda Meir
for example were announcing that there was not existing a Palestinian people.
| Das Foto ging um die Welt.
Israelische Mädchen, zehn, vielleicht zwölf Jahre alt, signieren liebreich
die Granaten der Israelischen Armee. "In Liebe. Von Israel und Daniele".
Ein israelischer Soldat beobachtet auf einem Panzer stehend die Szene, eine lachende
Frau im Hintergrund. Liebesgrüße auf Granaten, die wenige Stunden später
im Libanon einschlagen und Dutzende libanesische Zivilisten in den Tod reißen
würden. Das Entsetzen über diesen Hass war groß. In den Online-Foren
der Zeitungen spekulierten, ja hofften LeserInnen, es handle sich um eine Fotomontage,
Teil des vermuteten Propagandakrieges der Bilder. Eine österreichische Tageszeitung
veröffentlichte daraufhin eilig einen trivialen Weblog-Eintrag einer in Tel
Aviv lebenden kanadischen Journalistin, der sich auf die Entstehung dieses Fotos
bezog. Man könne - leider - nicht leugnen, dass dieses Bild authentisch sei,
doch man müsse sich doch bitte, so der Tenor Frau Goldmans in ihrem Blog,
den Hintergrund vor Augen halten, die Mädchen seien gerade erst nach fünf
Tagen aus ihrem Bunker gekommen, und die Botschaften seien ja lediglich an Hassan
Nasrallah, nicht an alle Libanesen gerichtet gewesen, und die Mädchen seien
überdies von den Fotografen zu ihrer Aktion angestiftet worden, und... Nein,
man habe seine Menschlichkeit nicht verloren in Israel. Szenenwechsel März
2003. Der US-amerikanische Zivilist Wilton Sekzer bittet in einem dokumentierten
Briefwechsel mit dem US-Militär darum, dass eine Rakete mit dem Namen seines
Sohnes, der am 11. September 2001 getötet wurde, beschriftet wird. "In
liebevoller Erinnerung an Jason Sekzer". In der Vollzugsbestätigung
eines pflichtbewussten Majors ließ Besagter Sekzer wissen: "Die
Waffe, auf die sein Name geschrieben wurde, ist eine 2000 Pfund schwere lasergesteuerte
Bombe. Sie ist groß, sie ist hässlich, und sie ist immer tödlich,
genau so, wie wir sie lieben. Sie wurde in der Nacht des 1. April 2003 auf Ziele
östlich von Bagdad abgeworfen." Die Öffentlichkeit des Westens,
stolz auf ihren Humanismus und ihre kulturellen Errungenschaften, ist schockiert
über sich selbst, über ihre "schwarzen Schafe", ihre
Wilton Sekzers und ihre israelischen Mädchen. Über den Hauch des Totalen
Krieges, wenn sogar ein kleines israelisches Mädchen die Bombe zu lieben
lernt. Würden wir hier in Europa auch Sprengsätze signieren, die wenige
Stunden später Menschen zerfetzen? Diese Kriegslust, diese abscheuliche Geilheit
den "Feind" zu vernichten, physisch zu liquidieren, der wütende,
rasende Hass, das sind Gefühle, die sich einem "zivilisierten"
Menschen nicht geziemen. Schon Clausewitz, der preußische Kriegsherr, differenzierte
zwischen "zivilisierten" und "unzivilisierten" Völkern
und ihrer Form der Kriegsführung: "Der
Kampf zwischen Menschen besteht eigentlich aus zwei verschiedenen Elementen, dem
feindseligen Gefühl und der feindseligen Absicht. (...) Bei rohen Völkern
herrschen die dem Gemüt, bei Gebildeten die dem Verstande angehörenden
Absichten vor (...)"
Viel besser
passen in dieses Weltbild da doch die Bilder von palästinensischen oder iranischen
Freiwilligen, von den Partisanen der Hisbollah, wenn sie vor laufender Kamera
eine Parade abhalten, ihre Waffen präsentieren. Der aufgeklärte und
gebildete europäische Zuseher kann hier sofort erkennen, wer der Barbar ist:
der rohe, irrationale, fundamentalistische, hassenswerte Araber, der Krieg, Hass
und Zerstörung "rassisch" in sich trägt. Die Welt ist wieder
im Gleichgewicht, hier der strahlend weiße Cowboy, der nichts anderes will
als seine Farm, sein Kibbuzim und seine Familie beschützen, dort der dunkelhäutige
Indianer, heimtückisch, wild, unzivilisiert und mordlustig. Hat man den Barbaren
aber erst verortet, was spricht dann dagegen, ihm eine Gewehrkugel zu signieren? Beim
Schälen der Zwiebel Doch sollten wir nicht bei diesen
Äußerlichkeiten, diesen oberflächlichen Merkmalen vertikaler Feindbilder
verharren, denn fast könnte man den Besatzer, den Eroberer und Kolonialisten
verstehen: man kann nicht Land rauben, vertreiben und morden, ohne zu hassen,
ohne den Kolonialisierten zum Untermenschen, zum Vieh zu degradieren, ohne Theodor
Herzls Rat am Kolonialisierten praktisch umzusetzen und eine große, fröhliche
Jagd zu veranstalten, die Bestien zusammentreiben und eine Melinitbombe unter
sie zu werfen. Die psychische Struktur des Kolonialherren haben Fanon, Sartre
und Memmi eindringlich portraitiert, wir wissen durch sie, wie der Kolonialismus
sich zwangsläufig auf die Psyche der Kolonialgesellschaften auswirkt, seien
sie französisch, britisch, deutsch, amerikanisch oder israelisch. Verlassen
wir einstweilen diese Ebene der feindseligen Gefühle, denn allzu gerne
wird der mordende Rassismus (sprich der Genozid) im akademisierten Diskurs nur
pathologisiert, um ihn zu mystifizieren, zu verschleiern und schließlich
sogar zu instrumentalisieren; gerade auch dann, wenn er als vermeintlich grauenhafter
"Ausrutscher" "zivilisierter" Völker in Erscheinung tritt. Betrachten
wir die feindliche Absicht im Clausewitz'schen Sinne etwas eingehender,
und befreien wir sie gedanklich von der Rhetorik, die sie unweigerlich begleitet,
den zeitgenössischen Phrasen "notwendiger Selbstverteidigung",
"Demokratisierung", "Freiheit" und allerlei humanistischer
Werte. Paradox genug, dass derartige Phrasen auch dort öffentliche Wirkung
zeigen, wo sie der Angreifer im Munde führt, seinen Nachbarn überfällt
oder in ferne Länder einmarschiert. Gleichgültig, ob er im fernen Stalingrad
Deutsches Reich und Deutsche Ehre, im fernen Kabul die Frauenrechte, in Bagdad
die Freiheit der gesamten westlichen Welt oder in Beirut sein Existenzrecht verteidigt,
er braucht für seine offensichtliche Aggression einen öffentlich gutargumentierten
Grund. Als "zivilisiertes" Volk muss dieser möglichst defensiv
formuliert sein. Die feindliche Absicht jedoch ist ebenso banal wie
sie im öffentlichen Diskurs verblümt wird: Die Niederwerfung
des Gegners, die Vernichtung seiner Streitkräfte dient der Erzwingung
des eigenen Willens. Dort wo diese Absicht relativ offen und ungeschminkt ausgesprochen
wird - wie in den Reden des aktuellen US-Präsidenten und seiner Außenministerin
- dort stößt sie in der europäischen Öffentlichkeit auf ehrliche
Empörung. Doch es wäre dem tieferen Verständnis dienlicher, sich
nicht über die grobschlächtige Rhetorik zu echauffieren - frühere
US-Administrationen waren in der Wortwahl sicherlich ideologisch zurückhaltender
und diplomatischer - sondern die Kontinuität, Bedeutung und Tiefe der Absichten
genauer zu betrachten. The New (Greater) Middle East
Project Das Projekt des "Neuen Großen Nahen
Ostens" ist jedenfalls älter als es dem Namen nach erscheinen will.
Die Kontinuität dieses beabsichtigten Projekts zieht sich durch mindestens
zwei Jahrhunderte. Bonaparte scheiterte 1799 in Ägypten und vor den Toren
Akkons beim Versuch, einen neuen, großen, französisch-europäischen
Nahen Osten zu schaffen. Großbritannien und Frankreich zergliederten 1916
im Sykes-Picot-Abkommen den neuen, großen Nahen Osten. Der britische Außenminister
Balfour schließlich sicherte dem britischen Abgeordneten, Bankier und führenden
Zionisten Lionel Walter de Rothschild in einer offiziösen Erklärung
zu, einen Teil des britischen Kolonialgebietes - nämlich Palästina -
an das erfolgversprechende zionistische Kolonialprojekt abzutreten. Damit war
der Grundstein für den Neuen Großen Nahen Osten westlicher Prägung
gelegt. Wie entscheidend es künftig sein sollte, eine ambitionierte, zu allem
bereite und ihr Recht auf Vorortsein verteidigende Phalanx ansässig zu haben,
zeigte sich für die britischen Kolonialherren schon drei Jahre später.
1920 begann der Aufstand im Irak, in nur drei Monaten fielen über 1500 britische
Soldaten, und trotz der Massaker an der Zivilbevölkerung (im gleichen Zeitraum
mordete die britische Armee mehr als 8000 IrakerInnen) wurden der Blutzoll und
die Kosten für das britische Empire zu groß. Kolonialminister Winston
Churchill empfahl "zur Verbreitung umfassenden Terrors" den Einsatz
von Giftgas: "Ich verstehe den Widerstand gegen den Einsatz von Gas nicht.
Ich bin sehr dafür, Giftgas gegen unzivilisierte Stämme einzusetzen". Der
- wie Sartre ihn nennt - "abscheuliche Todeskampf" des klassischen,
europäischen Kolonialismus von den 1940er bis zu den 1970er Jahren birgt
den deutlichen Hang zum Genozid. Im Kampf gegen die aufständischen Kolonien
machen die Kolonialarmeen keinen Unterschied mehr zwischen ZivilistInnen und KombattantInnen.
Jedermann in Namibia, jeder Fellache im Irak oder in Äthiopien, jeder Bauer
in Vietnam, jede gewöhnliche Einwohnerin von Algier ist potentiell Teil der
Rebellion, Feind der britischen, französischen, italienischen, deutschen
Kolonialordnung. Der koloniale Genozid hat sowohl exemplarischen wie prinzipiellen
Charakter; dort wo die einheimische Bevölkerung lediglich ausgebeutet und
beherrscht werden soll, aber nicht gänzlich überflüssig
ist, bleibt das Massaker exemplarisch, ist der Massenmord eine unterschwellige
Absichtserklärung. Man mordet Angehörige einer ethnischen Gruppe, um
die Überlebenden zu überzeugen, sich den kolonialen Lebensbedingungen
zu unterwerfen, die sukzessive ihre Kultur und ihre Identität vernichten.
Sie sollen als Untermenschen, als Knechte weiterleben dürfen, ihre nationale,
religiöse oder ethnische Identität als Gruppe jedoch soll liquidiert
werden: "Man sucht den Gegner in seiner
Heimat auf, in Afrika, Asien, in unterentwickelten Gebieten, und statt einen 'totalen'
Krieg zu führen, nutzt man seine absolute militärische Überlegenheit
aus und setzt nur ein Expeditionskorps ein. Dieses wird mit den regulären
Truppen - falls es welche gibt - schnell fertig; da jedoch eine solche offene
Aggression den Hass der Zivilbevölkerung hervorruft und diese eine Reservearmee
von Aufständischen oder Soldaten ist, setzen sich die Kolonialtruppen mit
Terror durch, das heißt mit immer neuen Massakern. Diese Massaker haben
Völkermordcharakter: es geht darum, einen 'Teil der (ethnischen, nationalen
oder religiösen) Gruppe' auszurotten, um den überlebenden Teil zu terrorisieren
und die einheimische Gesellschaft zu zersetzen. Als die Franzosen nach
der blutigen Inbesitznahme Algeriens im letzten Jahrhundert [19.
Jahrhundert, Anm. d. R.] der einheimischen Stammesgesellschaft, in
der Grund und Boden allen gehörte, den Code civil aufzwangen, der
die juristische Regel des bürgerlichen Eigentums enthält und vorschreibt,
jedes Erbe zu teilen, zerstörten sie systematisch die ökonomische Basis
des Landes, und der Grund und Boden ging schnell von diesen bäuerlichen Stämmen
in die Hände der Kaufleute von Waren aus dem Mutterland über. Tatsächlich
bedeutet Kolonialisierung nicht bloß Eroberung - wie es beispielsweise die
Annexion Elsaß-Lothringens durch Deutschland war -, sondern zwangsläufig
einen kulturellen Völkermord. Man kann nicht kolonisieren, ohne die besonderen
Züge der einheimischen Gesellschaft systematisch zu beseitigen."[1]
Der Rückzug der europäischen Kolonialmächte,
die Dekolonialisierung ehemals europäischer Kolonien, Einflusszonen und "Mandatsgebiete"
und der Beginn des "amerikanischen Jahrhunderts" markieren formal und
akademisch das Ende des Kolonialismus. Tatsächlich gab es einschneidende
Veränderungen, die Freiheit der ehemaligen Kolonien war blutig gegen den
Willen der Kolonialmächte erkämpft worden, die kolonialen Armeen mussten
abziehen. Insbesondere Großbritannien und Frankreich als größte
Kolonialmächte verloren damit an Einfluss. Die USA, siegreichste Siedlerkolonie
der Geschichte und somit sachkundige Expertin des kolonialen Genozids, betraten
die Bühne der Weltpolitik. Wo die Kolonialisten sich zurückzogen bzw.
ihren Einfluss verloren, da rückten die USA ein, sowohl direkt als auch indirekt,
in Korea, auf den Philippinen, in Vietnam, im Iran, ... Und zweifellos galt von
Beginn an ihr Interesse dem Nahen Osten, denn, wie Napoleon schon erkannt haben
soll: "Wer Akkon erobert, erobert die Welt". Mag
die US-Politik in Nahost auch unter dem vielbeklagten Einfluss der "Neocons"
totalitärere Akzentuierungen erfahren haben, so ist ihre Kontinuität
durchaus stringent. Die Durchdringung, Unterwerfung und Tranchierung des arabischen
Raums ist seit der Ablösung des klassischen europäischen Kolonialismus
in dieser Region bis heute bestimmender Teil jeder US-Administration. Nicht die
Kontinuität amerikanischer Nahostpolitik über sechs Jahrzehnte soll
an dieser Stelle Schwerpunkt der Erörterung sein, sondern vor allem die Bedeutung
und Tragweite der Absichten im Lichte des gegenwärtigen - offenen
wie latenten - Krieges in Afghanistan, im Irak, im Libanon und natürlich
in Palästina selbst, sowie seiner möglichen Ausweitung auf den Iran,
auf Syrien, ... Als Sartre im Namen des "Internationalen Tribunals gegen
die Kriegsverbrechen" die Antwort des sogenannten Russell-Tribunals auf die
sechste Frage redigierte, ermittelte er den inneren Zusammenhang zwischen Kolonialismus
und Genozid am konkreten Beispiel des Vietnamkrieges. Er legte insbesondere Wert
darauf, die Absicht des Völkermordes freizulegen, so wie sie ja auch
in Artikel II der Genfer Konvention von 1948 definiert wird. Nicht erst der vollendete,
alle Mitglieder des Volkes tötende Völkermord, sondern bereits Handlungen,
die in der Absicht begangen werden, eine nationale, ethnische, rassische oder
religiöse Gruppe ganz oder teilweise zu zerstören werden laut Genfer
Konvention als Völkermord bezeichnet. Die kriegführenden neokolonialistischen
Staaten hüten sich freilich, wie Sartre schreibt, so deutliche Absichtserklärungen
von sich zu geben. Selbst die gegenwärtig offen brandschatzenden Staaten
USA und Israel kündigen nicht an, alle Araber, Muslime, Palästinenser
oder Libanesen auslöschen zu wollen, weil sie Araber, Muslime, Palästinenser
oder Libanesen sind[2].
Der immanente (neo-)koloniale Rassismus freilich, der in
der westlichen Öffentlichkeit und ihren Diskursen stets präsent ist,
hat nichts von seiner Dynamik und Wirksamkeit eingebüßt. Eine gewisse
begrenzte Menschlichkeit wird dem Kolonialisierten zugestanden, doch seine selbstverschuldete
Unmüdigkeit sei evident, ja mehr noch, er wehre sich gar noch gegen die Aufklärung
und Freiheit. Konkreter: Der "Iraki" war zunächst "Aggressor"
gegen Kuwait und bald darauf selbst bloß "Opfer" eines schrecklichen
Diktators, musste also - das gebot die Menschlichkeit - befreit werden vom Joch
Saddam Husseins. Schließlich, als die "Befreier" nicht in dem
Maße gefeiert wurden, wie es die Propaganda angekündigt hatte, attestierte
man dem "Iraki" latente Demokratieunfähigkeit. Der Islam, die islamische
Kultur sei als anti-aufklärerische, anti-modernistische Ideologie Wurzel
des eigentlichen Problems. Ganz so ungehemmt wird der Gedanke selten zu Ende gedacht
oder gesprochen; wie bei einem anzüglichen Witz soll er im Kopf weitergedacht
werden. Ein spezifisches Phänomen ist dabei besonders signifikant. Verallgemeinert
findet man es an allen Kriegsschauplätzen, an denen die USA und/oder Israel
wüten. In Afghanistan, im Irak, in Somalia, in Palästina, im Libanon:
der demokratische Humanismus, den man sich an die Fahnen geheftet hat, verbietet
es ganz offen ein gesamtes Volk zum Feind zu erklären. Der Widerstand, so
breit er auch angelegt sein mag, muss also zumindest propagandistisch unbedingt
isoliert werden - auch wenn militärisch mittels Streubomben, Angriffen auf
vorwiegend zivile Einrichtungen und des Einsatzes von Massenvernichtungswaffen
das gesamte Volk getroffen werden soll. Unabdingbar aber ist die propagandistische
Trennung zwischen "einer Hand voll Banditen, Warlords und Terroristen"
und dem Rest der in die Opferrolle gezwängten Bevölkerung, so konstruiert
diese Trennung im konkreten Fall auch immer sein mag[3]. Die
(neo-)kolonialen Kriegsherren sind folglich mit einem altbekannten Problem konfrontiert:
Wie entzieht man der Guerilla die Unterstützung, wie dem Fisch das Wasser?
Insbesondere da der Neokolonialismus heute auf eine Guerilla stößt,
die anders als in den vorhergehenden Jahrhunderten über einen großen,
jahrhundertealten Erfahrungsschatz, über moderne Kommunikationsmedien verfügt
und - trotz jahrzehntelanger Zerrüttungsversuche und bemühter medialer
Desinformationskampagnen seitens der Kriegsherren[4]
- in einer intakten innergesellschaftlichen Struktur verankert ist. Die Lösung
dieses Problems ist ebenso schlicht wie kriegsverbrecherisch: Kannst du dem Fisch
das Wasser nicht entziehen, so vergifte das Wasser! Insofern bekommt der neokoloniale
Krieg einen totalitären Charakter: Am Kriegsschauplatz selbst, wo der Anspruch
besteht, eine "neue Gesellschaft", einen "neuen Nahen Osten"
gemäß der US-Ideologie (oder des Zionismus) zu formen und in alle sozialen
Verhältnisse hinein zu wirken, als auch - rückwirkend - im "Mutterland"
selbst. Zugleich hat dieser Krieg Tendenzen eines totalen Krieges, da er sowohl
auf die maximale Ausnutzung des eigenen gesellschaftlichen Potentials abzielt[5]
als auch in den angegriffenen Ländern auf allen Ebenen geführt wird,
politisch, kulturell, wirtschaftlich, militärisch. Der koloniale Genozid
wird absolut, unauffällig und schleichend - immerhin gilt es immer noch gewisse
völkerrechtliche, moralische und humanistische Verbindlichkeiten dem Schein
nach zu wahren -, die Weltöffentlichkeit sitzt wie der Frosch im Wasserglas,
der durch das langsame Erhitzen des Wassers nicht realisiert, dass es kocht. In
Palästina, wo die kolonialisierte Bevölkerung in den Absichten der Kolonialisten
überflüssig und nicht Teil des kolonialistischen Projektes ist,
vollzieht er sich nun schon über einen Zeitraum von mehr als fünf Jahrzehnten.
Schon Ben Gurion und Golda Meir nahmen den Völkermord verbal vorweg: "So
etwas wie ein palästinensisches Volk gibt es nicht". Im Irak
wird systematisch die gesamte Intelligenz des Landes zur Flucht getrieben oder
von Unbekannten ermordet, die kulturellen Schätze geplündert
oder zerstört, die Integrität des Landes gesprengt, die irakische Bevölkerung
durch Geheimdienstoperationen in einen von den Besatzern herbeigesehnten Bürgerkrieg
hineinterrorisiert. Als im US-israelischen Krieg gegen den Libanon die israelische
Armee vom libanesischen Widerstand zum Rückzug gezwungen wurde, tauchten
bald internationale Kommentare auf, die von einer großen Gefahr sprachen:
Durch den "vermeintlichen Sieg der Hisbollah", hieß es, entstünde
in der arabischen Welt "die gefährliche Illusion, Israel könnte
(militärisch) besiegt werden". Die Analyse Sartres zeigt, worin die
Gefahr tatsächlich besteht: "Also richtet sich dieser
exemplarische Völkermord an die gesamte Menschheit, mit dieser Warnung hoffen
6% der Menschen ohne allzu großen Aufwand die übrigen 94% unter ihre
Kontrolle zu bringen. Natürlich wäre es besser - für die Propaganda
-, wenn die Vietnamesen sich unterwerfen würden, bevor man sie vernichtet.
Aber das ist gar nicht so sicher, und wenn man Vietnam von der Landkarte ausradiert
hätte, wäre die Situation klarer: man könnte ja glauben, die Unterwerfung
sei die Folge einer vermeidbaren Schwäche gewesen; aber wenn diese
Bauern keinen Augenblick schwach werden und ihren Heldenmut mit einem unvermeidlichen
Tod bezahlen, dann würden die künftigen Guerillakämpfer um so mehr
entmutigt. An diesem Punkt unserer Ausführung können wir zwei Tatsachen
festhalten: Der Regierung der Vereinigten Staaten geht es um die Erhaltung eines
Stützpunktes und um ein Exempel. Zur Erreichung ihres ersten Ziels kann
sie, wenn sie nur auf den Widerstand der Vietnamesen selbst trifft, ein ganzes
Volk liquidieren und die pax americana in einem verwüsteten Vietnam
etablieren; um ihr zweites Ziel zu erreichen, muss sie diese Ausrottung
- zumindest teilweise - realisieren."[6]
Oliver
Hashemizadeh studiert Geschichte an der Universität Wien und ist Redakteur
der Perspektive Süd
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