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Solidarität
besiegt KolonialismusChávez
und Ahmedinedschad: Ein richtungsweisendes BündnisBirgit
Wenzl
| Abstract:
The Venezuelan
President Hugo Chávez is strengthening relations with the Islamic Republic of
Iran and its President Mahmud Ahmedinedschad. One reason for this is the resistance
of both states against US aggression, but there are also other reasons which are
even more important. Both states are based on anti-colonial resistance, both governments
get their legitimacy from the "poor", both states find an alternative for the
aggressive US-styled "democracy". Both states find strategies to secure independence
and keep the resources in the hand of their people by means of nationalization.
Aiming to create an alternative to US imperialism, Venezuela and Iran are developing
integrative and unifying models with neighbouring states or other countries. Chavez
is enforcing the unity of the people in Latin America, and Ahmedinedschad makes
efforts to strengthen the unity of the Muslim people. Both states are supporting
the Palestinian people. There is a lot of bilateral agreements between Venezuela
and Iran, strengthening their relation. The USA seem to get in panic, because
of these developments, seeing that the Southern hemisphere is establishing concepts
to resist northern dominance. | Hugo
Chávez ist nach Wien gekommen, um der EU (und einigen amerikanischen Nachbarn)
zu demonstrieren, dass er auf Eigenständigkeit setzt. Venezuela will, möglichst
im Verbund mit seinen Nachbarn, einen Weg der Unabhängigkeit beschreiten.
Es kämpft darum, den Kontinent aus den Fesseln des US-Kolonialismus zu befreien
und dem der EU Bremsklötze vorzulegen. Hugo Chávez
weiß wohl, welchen Weg er geht, und er weiß sich auch seine Bündnispartner
gut auszusuchen. Der Präsident der islamischen Republik Iran, Mahmud Ahmedinedschad,
zählt zu einem seiner Partner erster Wahl. Chávez hat ihn persönlich
angerufen und ihm zu seinem Wahlsieg gratuliert. Er versicherte dem iranischen
Präsidenten, sein Land als eine freundschaftliche und brüderliche Nation
auf der Weltbühne zu betrachten. Auch sprach er von einem geplanten Besuch
in Teheran und dem großzügigen Ausbau der gegenseitigen Beziehungen. Was
bringt nun ein Land auf der einen Seite der Weltkugel dazu, einem Land auf der
anderen Seite die Hand zu reichen und noch dazu derart solidarische Töne
anzuschlagen? Was den Präsidenten Venezuelas sicher
beeindruckt hat, ist die Widerständigkeit der islamischen Republik gegen
die Aggression der USA. Das solidarische Verhalten mit jenen Kräften, die
den israelischen und den US-Kolonialismus in der Region bekämpfen, mag Chávez
als beispielhaft ansehen - mit einem Seitenblick auf seinen schutzbedürftigen
Nachbarn und Freund Fidel Castro in Kuba.
Die Gegnerschaft
zu den imperialen Projektionen der USA in beide Räume ist bestimmender Faktor
in der Politik beider Länder, aber bei weitem nicht der einzige. So gedacht
könnte sich Chávez doch andere, mächtigere Verbündete suchen,
wie Nordkorea oder Russland, vielleicht auch Südafrika. Doch Chávez
hat sich um die Freundschaft mit der islamischen Republik Iran bemüht und
das auch offen bekundet. Es gibt tiefergehende Gründe,
die diese außergewöhnliche Partnerschaft ermöglicht haben. Diese
Gründe geben Aufschluss über die Qualität und Dauerhaftigkeit des
Bündnisses. Beleuchtet man zuerst das Grundsätzliche,
was zugleich das Gegensätzlichste zu sein scheint - die Frage nach den ideologischen
Grundlagen der beiden Gesellschaftssysteme - lassen sich folgende Parallelen ziehen:
Beide Systeme lassen sich nicht in ein bekanntes Schema pressen. Sie sind
auf ihre Art einzigartig. Die islamische Republik entstand aus einem antikolonialen
Widerstand heraus. Dieser Kampf wurde von einer breiten Bevölkerungsschicht
getragen und bahnte sich über Mossadegh den Weg hin zu einer Staatsordnung
nach islamischen Grundfesten, die sich in einem gesellschaftspolitischen Modell
manifestiert hat, dessen Ansehen und Akzeptanz durch die Wahl der Bevölkerung
bestätigt wird. Venezuelas Staatschef sieht sich als Erbe Simón
Bolívars, der den südamerikanischen Ländern zu ihrer Befreiung
verhalf. Beiden Modellen gemeinsam ist die Basis ihrer Herrschaft: die "würdigen
Armen". Sie sind es, die auf den Wegen der Revolutionen, die gleichzeitig
religiös und materialistisch durchdrungen sind, für die Verwirklichung
ihrer Bedürfnisse kämpfen. Beide Modelle haben sich für einen
eigenständigen Weg ins 21. Jahrhundert entschieden. Sie liefen nie im völligen
Windschatten einer der beiden dominierenden Ideologien Kapitalismus oder Kommunismus.
Das half offensichtlich beiden, ein Maß an Selbstvertrauen aufzubauen, das
es ihnen ermöglicht, in diesem Jahrhundert als eigenständige Nationen
die Weltbühne zu betreten. Ahmedinedschad ist ein glaubhafter Vertreter
der "würdigen Armen" des Iran. Ein Mensch, der Vergangenheit und
Zukunft verkörpert, der das nationale Interesse des Landes hochhält,
die ideelle Basis gleichzeitig festigt und die Würde der in ihm lebenden
Menschen nach außen projiziert, indem er seine Solidarität mit den
Armen und Entrechteten in der gesamten muslimischen Welt unter Beweis stellt. Beide
haben einen alternativen Weg zum vorherrschenden aggressiven Demokratiemodell
der USA eingeschlagen. Chávez hat im Jubel über den Wahlsieg Ahmedinedschads
dieselben Stimmen gehört, die auch ihn feierten, als er die Präsidentschaftswahlen
gewann: Die "würdigen Armen" hatten beiden ihr Vertrauen geschenkt.
In einem Akt sozialer Revolution, ausgetragen über eine demokratische Wahl,
stimmte die Bevölkerung in Venezuela dem Alternativprogramm Hugo Chávez'
zu. Dieses Programm zeichnete sich durch die geplante Wiederinbesitznahme nationaler
Ressourcen aus, deren Profite in soziale Maßnahmen wie Bildung und Krankenversorgung
gelenkt werden sollten. Gleichzeitig wusste die Bevölkerung die bitteren
Lehren aus der ALCA (gesamtamerikanische Freihandelszone unter Führung der
USA) zu ziehen und erkannte, dass nur die bolivarische Vision der "Patria
Grande" das Überleben eines einzelnen Landes zusammen mit dem der Nachbarländer
ermöglichen kann. Der Weg dorthin, wie ihn Chávez jetzt beschreitet,
führt über Tauschhandel: Erdöl gegen Naturalien, gegen Dienstleistungen,
günstige Kredite und Technologie. Jedes Land bringt seine Stärken ein,
- ob agrarisch oder technologisch -, und Venezuela seine Rohstoffe Erdöl
und Erdgas. Langfristig soll dabei das kontinentale Energieprojekt PETROSUR geschaffen
werden und als Mitglied der OPEC auf dem weltweiten Ölmarkt Mitbestimmer
und Mitgewinner werden. Auch das Projekt BANCOSUR für die länderübergreifenden
Bankgeschäfte wird angepeilt, und TELESUR soll der Hollywoodindustrie und
den das Mediengeschäft beherrschenden Oligarchien eine kontinentale Alternative
"von unten" entgegensetzen. Der wichtigste Rohstoff,
der in der nationalen Hand zu verbleiben hat, ist gleichzeitig der Trumpf am internationalen
Markt: das Erdöl - ein weiterer Faktor, der beide Länder vereinigt. Dass
Mossadegh 1951 die Ölindustrie unter dem Motto "Das Öl gehört
dem Volk" verstaatlichen ließ, hatte Vorbildcharakter für Hugo
Chávez. Heute entwickeln beide Länder ähnliche Strategien,
was die Erschließung, Ausbeutung, Modernisierung und Öffnung neuer
Märkte sowie das Schaffen von Synergien mit und in überregionalen Märkten
betrifft. Hugo Chávez hat über das Erdöl und die mit ihm erwirtschafteten
Devisenressourcen ein durchsetzungsstarkes Instrument in der Hand, mit dem er
anderen Staaten - wie kürzlich Argentinien - helfen kann, sich von IWF-Zwangskrediten
zu befreien. Chávez lässt nichts unversucht, um die Integration Südamerikas
voranzutreiben: PETROCARIBE nennt sich der Erdölverband, der Öl zu Solidarpreisen
an 18 Staaten abgibt. Gemeinsam mit Brasilien, Argentinien, Bolivien und Mexiko
will Venezuela ein Erdölunternehmen aufbauen und plant die Länder Südamerikas
mit einer gemeinsamen Pipeline zu versorgen, um sie so von Importen unabhängiger
zu machen. Dabei ist der industrielle Sektor nicht der einzige, auf dem intensiv
in Richtung Unabhängigkeit vorangearbeitet wird. Der schon erwähnte
Nachrichtenkanal Telesur sorgt für die kulturelle Verbreitung und informationstechnische
Verknüpfung zu Gunsten des Integrationsbündnisses. Ahmedinedschad
setzt sich ebenfalls für integrative Modelle ein, wobei für ihn die
Ausgangslage eine andere ist. Für den Iran bietet sich als überregionaler
Zusammenschluss die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) an,
die sich vor kurzem in Shanghai versammelt hat. Mitglieder dieser Organisation,
die sich in den 90er Jahren um China und Russland gebildet hat, sind Kasachstan,
Kirgisien, Tadschikistan und Usbekistan. Beobachterstatus haben Indien, Pakistan,
Iran und Mongolei. Einige dieser Länder, darunter der Iran, haben um die
Mitgliedschaft angesucht. Mittlerweile hat sich die SOZ zu einem veritablen
Wirtschaftsbündnis entwickelt. Letztes Jahr wurden über den eigens gegründeten
Wirtschaftsrat Abkommen zur Zusammenarbeit der Banken getroffen. Ein Jahr zuvor
startete ein Bildungsprogramm, das Investitionen in den Bildungssektor und staatenübergreifende
Projekte ermöglichte. Zentralen Stellenwert haben Ölförderung,
-verarbeitung und -transport. Dass Pipelines aus und in dieser Region von größtem
strategischen Interesse für die USA und die EU sind, ist spätestens
seit den Analysen um die Afghanistan-Interventionen deutlich geworden. China
hat mit dem Iran ein Abkommen über Erdgaslieferungen im Wert von 100 Milliarden
$ abgeschlossen. Über ein Abkommen für Öllieferungen in ähnlicher
Größenordnung wird verhandelt. Zugleich investiert China im Iran. Über
chinesische Beteiligungen baut der Iran seine Ölvorkommen und die dazu nötige
Transportlogistik aus. Das Beispiel Chinas hat auch andere Interessenten auf
den Plan gerufen: Indien, das mit dem Iran eine 2 670 Kilometer lange Pipeline
bauen will, und die Türkei, mit der Lieferabkommen im Gasbereich geschlossen
wurden. China spielt auch für Chávez eine Schlüsselrolle,
hat er doch den USA damit gedroht, venezolanisches Öl nach China zu exportieren.
Das ist auch der Hintergrund für bereits drei Chinareisen von Chávez,
auf denen er die gegenseitigen Handelsbeziehungen thematisierte. Zusammen
mit integrativen Bestrebungen setzen die lateinamerikanischen Staaten und ihr
Motor Venezuela die USA damit unter permanenten Druck. Sie signalisieren, dass
sie nicht bereit sind, dem US-Diktat zu folgen. Aber auch die EU hat nichts
zu lachen. Am Lateinamerika-Gipfel wurde klar, dass auch ihre Bestrebungen zur
hegemonialen Dominanz, die vergleichbar mit ALCA "strategische Partnerschaft"
genannt wurde, eher erfolglos blieb. Venezuela ist aus der OAS (Organisation Amerikanischer
Staaten) ausgetreten. Damit ist diese Organisation so geschwächt, dass sie
für die EU kein Partner mehr sein kann. Die OAS wird wohl von der 2004 gegründeten
CSN (Bolivien, Kolumbien, Ecuador, Peru, Venezuela) abgelöst werden. Dabei
setzen sie auf ein eigenes Konzept: die "Alternativa Bolivariana para las
Américas", kurz ALBA. ALBA ist ein genuin südamerikanisches
Projekt, frei von imperialen Projektionen und Einflussnahmen. Es ist ein außenpolitisches
und wirtschaftspolitisches Sicherheitssystem, das ein alternatives Modell zu den
gegenseitig kompatiblen EU- und US?Dominanzstrukturen ist und von Venezuela, Kuba
und Bolivien vorangetrieben wird. Ahmedinedschad hat
über die Hinwendung zur religiösen Identität der Bevölkerung
seines Landes den benachteiligten Schichten ihre Würde (und Integrität)
bestätigt: Nicht eine westsehnsüchtige Mehrheit junger Menschen hat
die Wahl im Iran bestimmt und bestenfalls den nächsten Chatami vorgestellt,
wie in den hiesigen Medien verbreitet wurde, sondern es gewann ein relativ unbekannter
Mann, der "den Kult des Märtyrertums wiederbeleben" will. Die Hinwendung
zu den religiösen Wurzeln der iranischen Revolution stärkte Ahmedinedschad
und sprach offenbar jener Mehrheit aus dem Herzen, die für diese Revolution
lebte und nicht bereit war, ihr Schicksal den korrumpierten Händen einiger
Neureicher zu überlassen. Auch Chávez hat mittels der Rückbesinnung
auf den großen Freiheitshelden Simón Bolívar die Gegenwart
revolutioniert. Über die Aktivität von Nachbarschafts- und Volkskomitees
hat er seine Glaubwürdigkeit als Vertreter der Armen bewiesen. Und Chávez
ist einer, wie Ernesto Cardenal zu berichten weiß, der nichts dagegen hätte,
seine bolivarische Revolution als christlich zu bezeichnen. In den Reden, die
Chávez bei seinen Begegnungen mit dem Volk halte, spreche er viel von Gott
und Christus und zitiere gerne das Evangelium. Bei einem seiner letzten Zusammentreffen
erbat er sich von Cardenal den Segen für sich und sein Volk. Cardenal
selbst, der Chávez als Antikapitalisten und überzeugten Antiimperialisten
charakterisiert, verbinden historische Bande mit dem Iran. Traf er doch 1979 mit
Khomeini zusammen und versicherte der iranischen Revolution seine Unterstützung
- als sandinistischer Kulturminister, der er damals war. Auch im Lebenslauf
gibt es Parallelen zwischen Ahmedinedschad und Chávez. Beide kommen aus
einfachsten Verhältnissen, und beiden wurde der Zugang zu Bildung über
den Eintritt in das Militär ermöglicht. Diese Nähe zum Militär
und die Sympathien, die beide darin genießen, ist ein Standpfeiler ihrer
Macht. Dieser Standpfeiler hat es ihnen ermöglicht, ihre Position (letztendlich)
mittels Wahlen zu erringen. Das ist sicher ein wichtiger Grund für diese
Art der Machtübernahme, die sich wesentlich von der Art der Revolutionen
der 1970er und 1980er Jahre unterscheidet. Während Chávez die bolivarische
Idee im Zusammenschluss der südamerikanischen Länder vorantreibt und
Ahmedinedschad sich um die Einheit der Muslime auf dem asiatischen Kontinent bemüht,
eint die beiden die Gegnerschaft gegen die imperiale Gewalt der USA. In der Propaganda
gegen Chávez und Ahmedinedschad findet sich bezeichnenderweise oftmals
dasselbe rassistische Bild: Rechtsgerichtete Medien in Venezuela stellen Chávez
in Anspielung auf seine Herkunft als Affen dar. Dasselbe Bild - Ahmedinedschad
als Affe - sah man groß in deutschen Medien bei der Berichterstattung zur
Fußball-WM. Eine Anhängerin Israels hielt dieses Bild in die Kamera.
Die
Regierungen beider Staaten bekannten ihre Unterstützung für das palästinensische
Volk, und Chávez stellte sofort seine Solidarität unter Beweis, als
er als bolivarische Antwort auf die Nichtanerkennung der palästinensischen
Wahlen in den westlichen Staaten den Hamas-Abgeordneten über seinen Vizeminister
ausrichten ließ, dass sie herzlich willkommen seien. Chávez
und Ahmedinedschad haben ihr gemeinsames Bündnis durch zahlreiche bilaterale
Abkommen wirtschaftlicher und diplomatischer Natur gefestigt. Venezuela war
einer unter jenen drei Staaten, die den Iran vor der UN-Atomenergiebehörde
unterstützten. Jedes Land hat das Recht, seine eigene zivile Nuklearenergieentwicklung
für friedliche Zwecke voranzutreiben, so der gemeinsame Standpunkt. Syrien,
ein weiterer mit im Bunde (der dritte ist Kuba), versprach seine Unterstützung
für einen Sitz Venezuelas im UN-Sicherheitsrat gegen die Anwartschaft Guatemalas,
die von den USA vorangetrieben wird. Im Juni dieses Jahres hat der iranische
Vizeminister Shaterzadeh bekannt gegeben, dass die islamische Republik 9 Billionen
$ in Venezuela investieren will. 2 500 Wohneinheiten und eine große Zementfabrik,
die nach ihrer Fertigstellung rund 800 Menschen beschäftigen wird, sollen
mit diesem Geld in Venezuela gebaut werden. Geplant ist weiters der Import technischer
Geräte, Fahrzeuge für die Agrarindustrie sowie Rohstoffe. Ein Fonds
im Rahmen von 200 Millionen $ wurde bereits für gemeinsame Projekte eingerichtet. Auch
mit Syrien ist ein reger Handelsaustausch geplant. Klar,
dass die USA diese Bedrohung ihrer Interessen an zwei für sie als strategisch
zentral deklarierten Einflusszonen in Panik versetzt. Steht doch hinter beiden
dieser vorpreschenden sozialrevolutionären und antiimperialistisch ausgerichteten
Frontstaaten der immer mächtiger werdende Gegenspieler China. China will,
so kündigte Präsident Hu Jintao an, 100 Millionen US-Dollar in südamerikanischen
Staaten investieren. Venezuela ist dabei, mit China Energie gegen Technologie
zu tauschen. Im Rahmen von 100 Milliarden US-Dollar bewegt sich das Abkommen
zwischen China und dem Iran. Zehn Millionen Tonnen iranisches Flüssiggas
sollen jährlich die Grenze nach China passieren, und das 25 Jahre lang. China
widersetzte sich dem US-Boykott und sorgte damit dafür, dass ihm weitere
Länder, darunter Indien und die Türkei, folgten und mittlerweile intensiv
im Iran investieren. "The Greater Middle East" gilt für die
USA wegen der 75% der Weltölreserven und 33% der Weltgasreserven als die
einzige Region, für die es sich "wirklich zu kämpfen lohnt",
so David Tucker aus dem US-Verteidigungsministerium im Sommer 1998. Der Iran
zählt bekanntlich zur "Achse des Bösen", und Condoleezza Rice
betonte den "negativen Einfluss", den Chávez auf die gesamte
westliche Hemisphäre ausübe. In diesem Szenario stellt sich der Iran
als jener Dominostein dar, mit dem eine mögliche und bereits existierende
Alternative zum neokolonialen Westsystem steht oder fällt. Die US-Strategen
bearbeiten alle nur möglichen Szenarien. Der Versuch, ein Gegenbündnis
zur SOZ zu installieren, um die zentralasiatischen Staaten von Bündnissen
mit Russland, China und dem Iran abzubringen, scheiterte. Amerikanische "Experten"
drohen mit einem Angriff auf den Iran im nächsten Jahr. In diesem Kontext
muss die Politik der USA im Nahen Osten, zentral im Irak und in Palästina,
beobachtet werden. Dort den Kopf aus der tödlichen Schlinge zu ziehen, die
der irakische Widerstandskampf um den amerikanischen Hals gelegt hat, gelingt
nicht. Und das palästinensische Volk, ewige Vorkämpferin des Antikolonialismus,
zeigt sich in seiner aufopferungsbereiten Standhaftigkeit unbezwingbarer als je
zuvor. So muss die USA, gefangen im selbst angelegten Sumpf, zusehen, wie sich
die südliche Halbkugel dieser Welt zunehmend formiert und sich mit originären
Konzepten den westlichen Dominanzmodellen widersetzt. Birgit
Wenzl studiert Geschichte und Publizistik an der Universität Wien.
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